Katharina Kropshofer

Wieso moderat das bessere Extrem ist

Wenn es um das Essverhalten geht, mutiert unsere Autorin öfter zur Besserwisserin – zum Leid ihres Umfelds.
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Foto: deanna alys

Wusstest du, dass Leo Tolstoi überzeugter Vegetarier war? „Ich kann keine Leiche essen“, sagte er einst bei einer Versammlung im Tschechow-Kunsttheaters in Moskau. Mein eigener Fleischverzicht speist sich großteils aus einer ökologischen Überzeugung, die mein Essverhalten überhaupt beeinflusst. Wenn man sich eingehend mit diesem Thema beschäftigt, braucht es nicht viel, um in einem Strudel an Schuldgefühlen zu versinken: War es wirklich notwendig, diese Packung Tomaten im Winter zu kaufen? Hätte es plastiklose Alternativen gegeben? Und vor allem: Reicht es, vegetarisch zu sein, oder müsste ich schon längst vegan leben?

Ökobilanz

Vor ein paar Monaten las ich eine Studie von Joseph Poore und Thomas Nemecek, zwei Forschern, die Ergebnisse aus über 1.500 Studien über die Ökobilanz von Lebensmitteln genau unter die Lupe nahmen. Sie beinhaltet, dass selbst das am nachhaltigsten erzeugte Fleisch drastischere ökologische Auswirkungen hat als das umweltschädlichste erzeugte pflanzliche Produkt. Es war aber ein anderes Ergebnis dieser Studie, das mich persönlich beschäftigte: Einige Milchprodukte, etwa gewisse Käsesorten, haben eine höhere Umweltwirkung als so manches Fleisch, etwa Huhn.

Revolution am Küchentisch

Das schien der finale Beweis dafür zu sein, dass mein Konsumverhalten noch nicht weit genug geht. Wie viele Revolutionen begann auch diese am Küchentisch. Kuhmilch wurde ersetzt durch Sojamilch (zu wässrig), dann Mandelmilch (zu hoher Wasserverbrauch bei der Produktion), dann Hafermilch (umweltfreundlich und eigentlich ziemlich köstlich). Diesen Wechsel vollzog ich jedoch ohne mit meinem Partner darüber zu sprechen. Als ihm fürs Frühstück nur das bloße Müsli ohne Milch blieb, bekamen wir uns in die Haare. Für mich war der Verzicht leicht, nur ein weiterer kleiner Schritt in einer jahrelangen Annäherung. Er wiederum fühlte sich persönlich angegriffen. Er hatte sich ja schon bezüglich seines Fleischkonsums von mir überzeugen lassen – jetzt sollte er auch noch auf Milchprodukte verzichten?

Jemanden für sein Verhalten zu bekritteln und das Extreme zu verlangen führt meist zu einer Blockade. Ich habe die Produkte in den Kühlschrank gestellt, in der Annahme, mein Verhalten wär das richtige, ohne ihn nach seiner Meinung zu fragen.

Mein eigener Lernprozess ist jedoch nicht abgeschlossen und das, was umweltfreundlich ist, nicht in einer „Enzyklopädie der Nachhaltigkeit“ nachzulesen. Poore und Nemecek zeigten in ihrer Studie übrigens darüber hinaus, dass man 75 Prozent des Effekts, den eine vegane Ernährung mit sich bringt, auch erreichen kann, indem die „schlechtere“ Hälfte von Produzenten wegfällt. Sprich: Wenn wir mehr Informationen über die Art der Produktion haben und somit bessere Entscheidungen für die Umwelt treffen können, hat das beinahe die gleiche Wirkung wie der komplette Verzicht auf tierische Produkte (auch wenn ich trotzdem im Lager Tolstoi bleiben werde, nur zur Sicherheit).

Ich bleibe im Lager Tolstoi, nur zur Sicherheit.

Vor kurzem kam eine neue Milch auf den Markt: halb Kuhmilch, halb Hafermilch. Gibt es eigentlich eine schönere oder einfachere Art, Kompromisse zu schließen?

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