Janina Lebiszczak

Bin ich schön?

Janina Lebiszczak spricht ein heikles Thema an: Wie wichtig ist Attraktivität fürs eigene Wohlbefinden? Und darf man sich eigentlich auch schön fühlen, ohne andere damit zu verstören?
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Bild: Getty Images

Ja, ich geb’s zu: In meinem Rudel bin ich die Selfie-Queen. Aber nicht nur von mir, auch von meinen Freunden schieße ich gerne schöne Bilder. Lebenslustige. Spontane. Aber vor allem: Solche, auf denen man gut aussieht. Das Leben ist oft schirch genug, denke ich mir, voll von grauen Gesichtern mit hängenden Mundwinkeln, Pausbacken, die nicht vom Genuss, sondern vom Übermaß kommen, stumpfen Haaren und fleckigen Shirts.

Deswegen knipse ich schöne Bilder von schönen Menschen und am liebsten von mir. Übermäßig großzügig mit diversen Filtern und digitalen Kniffen bin ich dabei nicht, meistens reicht das richtige Licht und das richtige Setting. Und die richtige Haltung: Kinn runter, Kopf leicht seitlich, nicht zu arg grinsen, sonst irres Mondgesicht.

Bei Full Body Shots gerne Spiegel-Selfies, die sehen fast immer vorteilhaft aus. Wenn kein Spiegel vorhanden ist und speziell bei Gruppenbildern: nicht ganz außen stehen, Körperspannung halten, Fotografen unter 170 Zentimeter vermeiden – und go.

Bin ich eitel? Bin ich gestört? Bin ich dreizehn? Nein. Und Hand aufs Herz: Ich finde den meisten Content, der uns da aus Instagram & Co entgegenstrahlt zu gekünstelt, zu perfekt und vor allem: zu beliebig. Rein optisch kann ich die meisten Instagirls und Wannabe-Models nicht voneinander unterscheiden. Attraktivität – das ist immer etwas ganz Spezielles. 

Menschen sind am schönsten, wenn sie lachen, weinen, tanzen, spielen und die Wahrheit sagen.

Comedian Amy Poehler

„Menschen sind am schönsten, wenn sie lachen, weinen, tanzen, spielen und die Wahrheit sagen“, sagte Comedian Amy Poehler – und recht hat sie: Es geht immer auch um die Schönheit des Moments, die uns so anziehend macht und das Foto dann so besonders.

Aber dürfen wir selbst überhaupt schön sein?

Es scheint, als würde das ästhetische Selbstbefinden immer extremer ausfallen. Die eine Fraktion schwört auf Natur pur und lehnt kleine Helferlein wie Botox und Co rigide ab. Der Körper soll kein Konsumgut sein, meinen sie, und wir, wenn möglich, frei von Gefallsucht. Aber ihre Vorzüge wissen sie trotzdem stets zu betonen, wie durch Zauberhand.

Die anderen hängen sich Extensions in die Haare, pimpen Busen, Lippen und Stirn und plagen sich von Diät zu Diät. Wenn man die Magazine aufblättert, findet man entweder superschlanke Stars in sauteuren Bikinis oder die ganze Palette des Diversity-Schönheitsideals – von krummnasig, hairy bis curvy. Nur in einem Punkt gleichen sich die Bilder: Alle sind schön, alle strahlen. Niemand betrachtet offenbar gerne schwache, geplagte, lasche und unvorteilhaft abgeknipste und ebenso gestylte graue Mäuse.

Der Mensch sucht immer die Stärke, die Kraft, das Bewusste. Vielleicht ein Relikt aus grauer Vorzeit? Ein gesundes Aussehen war bei der Partnersuche stets von Vorteil, da es ebensolche Nachfahren versprach. Zwar befinde ich mich weder auf der Suche nach einem Partner noch nach Nachkommen, aber ich bin gerne schön. Wenn mir danach ist – gottlob, dass niemand sehen kann, wie ich beim Schreiben dieser Zeilen gerade aussehe.

Meine körperlichen Tadeligkeiten sind augenscheinlich (sie befinden sich alle unterhalb meines Halses). Ich weiß aber auch, welche Regionen meines Äußeren dazu beitragen, meine innere Schönheit (die sich wahrscheinlich aus Witz, Wärme und Charme zusammensetzt, man weiß es nicht so genau) besser begreifbar zu machen. 

Ich weiß, dass Proportionen wichtig sind und eine gewisse Gepflegtheit, aber nie eine Übergepflegtheit. Wer greifbar ist, wird geliebt. Also gönne ich mir nebst Naturkosmetik, Sport und Bio-Kistlern auch ab und an eine kleine Spritze in die Stirn. Dahin, wo meine Zornesfalte prangen würde. Ich bin nämlich kein zorniger Mensch, ich grimassiere nur viel. Und das will ich mir auf keinen Fall nehmen lassen. Sich bewahren zu wollen, was einem Selbstbewusstsein gibt, ist keine Sünde. Sich jedoch in jemand anderen verwandeln zu wollen ist nie ein gutes Zeichen.

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