Nicole Kolisch

Liegestütz und Namaste

Yoga Bootcamp. Um 7 Uhr früh. Das klingt nach einem besonders grausamen Treppenwitz des Universums. Grund genug, es einmal auszuprobieren.

Es gibt einen großen Unterschied zwischen Yoga und anderen Sportarten: Yoga ist kein Wettbewerb. Es geht nur um den eigenen Körper, um die eigenen Gedanken, das eigene Verständnis dafür, was gut tut. So ähnlich wird das zumindest auf der Website von Bali Yoga Wien erklärt: „Niemand kennt deine Grenzen und Möglichkeiten besser als du. Yoga hilft dir, diese Grenzen zu finden und zu respektieren.“

Das klingt gut, finde ich. Passt zu mir:

  • Ich bewege mich gerne, aber ich verspüre große Widerstände dagegen, Sport mit Wettkampf zu verbinden. Ich will jedes Mal ein bisschen besser werden – allerdings besser als zuletzt, nicht besser als die Person, die neben mir schwitzt.
  • Ich hab ein Problem mit meinen Grenzen. Mein Leben ist quasi das personifizierte Schengener Abkommen. Und ich lass nicht nur andere ohne Grenzschutz rüberspazieren, ich merke auch selber erst, dass der Grenzposten passiert (sprich: mit Karacho umgemäht) wurde, wenn ich ihn nur mehr winzig klein im Rückspiegel erkennen kann.

Anders gesagt: Wenn ich beim Yoga Hilfe bekomme, die Nicole-Grenzen „zu finden und zu respektieren“, dann halleluja! I’m in.

Bonus Feature: Wenn ich zusätzlich den Kopfstand meistere und dann etwas habe, womit ich jederzeit an der Bushaltestelle angeben kann – umso besser! Man gönnt sich ja sonst nix.

Yoga meets Bootcamp

Bali Yoga Wien (nein, sie haben nicht für diesen Beitrag gezahlt!) bietet ein Yoga Bootcamp an. Eine Woche lang täglich. „Da wird wohl g’scheit was weitergehen“, denke ich, „und falls es furchtbar ist, ist es zumindest rasch vorbei.“

Moment. Yoga und Bootcamp? Wie soll denn das zusammenpassen? In meinem Kopfkino höre ich einen Drill Sergeant der U.S. Army brüllen:

72 Squats in 10 Sekunden – aber pronto, ihr Nulpen!

Quasi Schulbeispiel für „Grenzen respektieren“ und „Verständnis dafür, was guttut“ … Ähem.

Nun, denke ich, so wird das wohl nicht sein. Im Yoga macht man ohnedies keine Squats. Da macht man Malasana. Das ist zwar das Gleiche, aber auf Sanskrit.

Tagwache: spätestens 5.30 Uhr

Erschwerend kommt dazu: Das Yoga Bootcamp beginnt jeden Tag um 7 Uhr früh. Und fieserweise nicht in meinem Schlafzimmer, sondern ich muss den Bus nehmen. Tagwache daher spätestens um 5.30 Uhr. Alter Schwede.

(Wenn ich an der Bushaltestelle mit meinem perfekten Kopfstand protzen will, lautet Schritt 1 somit: Zur Bushaltestelle gehen …)

„Es ist ja nur eine Woche“, sage ich laut zu meinem Spiegelbild, „das beiß ich beinhart durch!“ Das Spiegelbild blickt zweifelnd zurück.

Spiegelbild … Rückspiegel … Grenzpfosten … mit Karacho ummähen …

Wir kennen das.

Tag 1

Es ist dann aber alles nicht so schlimm.

Zumindest das Aufstehen nicht. Die Sanskrit-Squats schon. Thema der heutigen Yoga-Einheit: Leben aus der Fülle. Göttin der Fülle ist im Hinduismus übrigens Lakshmi. Sie wird oft in Rot oder Pink dargestellt – also genau jene Farbe, die mein Kopf inzwischen angesichts der Fülle der Bauchmuskelübungen angenommen hat. (Böse Zungen behaupten, es könnte auch an meiner Fülle liegen. Obacht! Mein nach unten schauender Hund beißt!)

Dass ich Ausdrücke wie „Plank Challenge“ oder „Nur noch fünf Liegestütze!“ in einer Yoga-Stunde höre, hätte ich vor ein paar Tagen auch nicht vermutet, aber „ein Bootcamp ist es natürlich schon“, versichert die Yoga-Meisterin Beate. Und im selben Atemzug: „Wir beenden die gemeinsame Stunde jetzt mit drei gechanteten Oms.“

„Boa“, sage ich beim Rausgehen, „morgen werde ich den Mörder-Muskelkater haben …“ – „Ach was“, sagt Beate, „Yoga ist ja kein Sport!“

Fortsetzung folgt …

***

Weiterlesen? Hier geht’s zu:

Mehr zum Thema Yoga finden Sie in der aktuellen Ausgabe. Ab 6. Juni in Ihrer Trafik.

'