Regionale Lebensmittel – Wie nah geht essen? Ein Selbstexperiment

Alle reden von Regionalität, Maria Dorner hat’s probiert: Drei Wochen sollte bei ihr nur auf den Tisch kommen, was im Umkreis von 66 Kilometern wächst und gedeiht.
Frisches Gemüse
Bild: Anna Guerrero/ Unsplash

Frisch, gut, gesund und ohne schalen CO2-Beigeschmack – so will ich meine Familie und mich ernähren. Aber schaff ich das im Alltag? Und ist es leistbar? Ich will’s wissen und wage mich ans Experiment: Drei Wochen sollen nur regionale Lebensmittel auf den Tisch kommen, die aus einem Umkreis von höchstens 66 Kilometern stammten. Zum Abendessen gibt’s Huhn. Beseelt sitzt mein Fünfjähriger davor, die Stimme überschlägt sich vor Bewunderung: „Während ich in der Badewanne war, hast du das gefangen, die Federn ausgerupft und gebacken?“ Fast. Ich war am Nachmittag schnell beim Diskonter, hab aus der Tiefkühltruhe Chickennuggets gefischt, böse Gedanken à la „Turbomast“, „Billigfleisch“ und „CO2-Wahnsinn“ verjagt und die Teile gerade vorhin ins Backrohr geschoben. Das mache ich selten, aber heute war’s alternativlos.

Maria Dorner lächelt in die Kamera
Maria Dorner im Selbstexperiment –
drei Wochen lang, will sie sich und ihren Sohn nur von regionalen Lebensmitteln
(im Umkreis von 66 Kilometern) verköstigen.
Bild: Philipp Schönauer

Leo kostet – und meckert: „Schmeckt irgendwie schwabbelig.“
Das zerkleinerte und in Form gepresste Fleisch ist verwässert und von einer fetten Panade umzingelt. Die Hühner flatterten von weiß Gott woher (kein Hinweis auf der Verpackung), vermutlich um den halben Erdball, nur um heute auf unseren Tellern zu landen – und uns trotzdem nicht zu beflügeln.

Da passt was nicht, diese Rechnung geht nicht auf. Unbehagen flutet meinen Körper. Woher kommen diese Tiere, wie haben sie gelebt, wer verdient an ihnen? „Morgen gibt’s was richtig Gutes“, verspreche ich. Aber das reicht irgendwie nicht. Gut soll es sein und dabei vielleicht sogar Gutes tun: uns, der Umwelt, der Moral – und im besten Falle einem Produzenten aus der Gegend. Ich will mich auf regionale Produkte beschränken. Nicht für immer, aber zumindest für drei Wochen.

Bevor es ans Praktische geht (Ist das leistbar? Und vor allem: Kann „Local Food“ Arbeitsalltag?) gehört die Theorie geklärt. Was heißt regional eigentlich genau? Geht’s da um die Herkunft der Zutaten oder den Produktionsort? Ich frage im österreichischen Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus nach. „‚Regional‘ bezieht sich grundsätzlich auf die Herkunft“, erfahre ich da. Aber auch: „Es gibt keine Normen. Die Interpretationen reichen von ‚lokal‘ bis ‚österreichweit‘.“

Österreichweit? So leicht will ich’s mir nicht machen. Im Experiment will ich versuchen, nur zu essen, was innerhalb von 66 Kilometern produziert wurde – so wie es Österreichs Regional-Pionier und „Radius 66“-Initiator Josef Floh aus Langenlebarn in Niederösterreich seit Jahren vorlebt.

Erster Schritt ins Experiment: ein kritischer Check meines bisherigen Einkaufs- und Ernährungsstils. Ich esse alles (außer Innereien), aber nicht zu deftig (lieber Fisch mit Reis als Schweinsbraten mit Knödel). Ich mag Schmankerl von Marktplätzen, greife aber auch, ohne mit der Wimper zu zucken, zu Kirschen aus Spanien. Bio ist gut, ich lege es aber selten darauf an. Und: Heikel bin ich bei Fleisch, maßlos bei Fruchtgummi und Weißwein.

Das wird sich jetzt (fast) alles ändern. Nächster Schritt: Bestandsaufnahme im Kühlschrank. Eher kein Lokal-, sondern ein Internationalaugenschein: Vogerlsalat aus Italien, Bio-Wildlachs aus Polen, Eierschwammerl aus Serbien. Hui. Klingt nach gröberen Umstellungsarbeiten.

Regionale Lebensmittel finden: Das Experiment startet

Tag1: Zumindest gedanklich bin ich schon mittendrin. Muss ich im Supermarkt ab sofort jedes Etikett umdrehen, oder recherchiere ich vorab gezielt im Internet? Wonach suche ich da? „Regional“ ist in meinem Fall zu wenig konkret, eine Kilometerangabe führt genauso ins Leere. Ich habe wenig Zeit, viel Kind und noch mehr Hunger. Aber noch keinen Plan.

Tag 2: Kaffee? Leider nein. Ich trinke ein Glas Wasser (fließt aus bis zu 100 km Entfernung aus dem Gebiet von Rax, Schneeberg und Schneealpe zu mir nach Wien-Margareten, steht also eigentlich auch auf der Blacklist), mache Leo Frühstück aus Haferflocken (von „Vollkraft“ in Grimmenstein, 73 km) mit Zwetschkenröster (von „dazu“ aus Wienersdorf, 24 km) und packe ihm einen Topaz-Apfel (von „Bio Obstbau Filipp“ in Bogenneusiedl, 46 km) ein. Ich esse nichts. Mittags in der Redaktion gibt’s Salat mit Gurken (aus dem Garten der Kollegin, 4 km), mariniert mit Öl (von „Horvath’s Spezereyen Kontor“ in Deutsch-Wagram, 33 km) und Apfelessig (aus Bogenneusiedl, 46 km). Bisher fast alles im Rahmen, aber zufällig. Abendessen? Brote (von „Felzl“ in Wien, 3,3km) mit Butter (aus Baden, 31 km), Schnittlauch (vom Balkon, 3 Meter) und Salz aus Bad Ischl (267 km, da bin ich jetzt nicht kleinlich).

Tag 3: Essenfassen im Stammsupermarkt. Gelockt wird mit „7 Säulen gelebter Regionalität“, beworben werden 6.500 Produkte von 620 Produzenten aus der direkten Umgebung. Wo ich die finde, will ich vom Filialleiter wissen. „Überall verstreut, einfach schauen.“ Danke. Beim Gemüse ist Brokkoli (aus Untermerking, 78 km) das Nächstgelegene, was ich finde. Den überbacke ich am Abend mit Beinschinken (von Berger in Sieghartskirchen, 33 km) und Käse (von „Ziegenliebe“ in Parndorf, 51 km).

Tag 4: Ich ändere meinen Schlachtplan, suche online – und tatsächlich: Via digitalen Bauernmarkt stelle ich mir einen üppigen Einkauf zusammen. Die Entfernung der Produzenten kann abgefragt werden, mein Herz hüpft bei Chutney und Co von „Hausensteiner Bio-Delikatessen“ aus Kobersdorf: exakt 66 Kilometer! Kleiner Wermutstropfen: Die Lieferung dauert sechs Tage.

Tag 5: Es ist Samstag, die Kindergartenküche lässt mich im Stich. In den Tag starten wir mit Bio-Eiern (von „Schlögl-Ei“ in Stoob-Süd, 92,4 km), Kipferln (von „Ströck“ in Wien, 13,3km) und Honig (von „Gangls Bio-Honigschmiede“ in Wien, 20,4 km). Zum Abendessen wünscht sich Leo Risibisi. Ich weiß, dass Reis in der Steiermark angebaut wird, das ist aber zu weit weg. Dr. Google findet einen Produzenten in Gerasdorf (23 km). Zum „ÖsterReis“ kommen Erbsen aus dem Marchfeld (18,5 km), Laaer Zwiebeln (73 km) und Weinkern-Pfeffer (von „Hillinger“ in Jois, 55,6 km). Nur das Huhn (von „Hubers Landhendl“ in Pfaffstätt, 287 km) gackert von deutlich zu weit weg.

Tag 6: Auf dem Tisch steht das Gleiche wie gestern. Leo schimpft und will eine „große“ Süßigkeit. Zum Glück habe ich noch Manner-Schnitten (aus Wien, 5,9 km) vom letzten Kinobesuch.

Tag 7: Wieder im Supermarkt. Ich scanne die Gemüseabteilung und fixiere das einzige Schild im Regal, das „Qualität aus Wien“ anpreist. Zwiebeln rot, großartig. Aber das Etikett irritiert mich. Herkunftsland: Ägypten. Ich frage nach, dem Filialleiter entfleucht ein verlegenes „Ui, da hat wer das Schild vergessen“. Schade. Ich kaufe Brot (beliefert wird von Wiener Bäckern) und beschließe, morgen zum „Biohof Radl“ nach Hirschstetten (15 km) zu fahren.

Tag 8: Spargel, Salat, Gurken, Fenchel, Bohnen, Erbsen, Sellerie, Zucchini, Kartoffeln, Beeren, Tomaten, Pasta, Aufstriche, Milch, Käse, Wein und Fleisch. Alles da und laut Info alles aus dem Raum Wien/ Marchfeld bzw. „nächster Region“. Wir picknicken auf dem Wohnzimmerteppich, fühlen uns wie Abenteurer und naschen Seidenzuckerl (aus der „Zuckerlwerkstatt“ in Wien, 5 km).

Tag 9: Mein Hausverstand flüstert mir einen Supermarkt mit „Regional Regal“. Pluspunkt: Die Produkte sind in 32 Regionen unterteilt und werden separat präsentiert. Ich kaufe Säfte (aus Klosterneuburg, 17,5 km) und Wiener Rindersaftgulasch im Glas (von „Hink“ in Wien, 16,7 km). Später finde ich noch eine tolle Seite: Auf genuss-region-shop.at gibt’s viel Gutes, aufgelistet nach Bundesländern, mit Bezugsquellen.

Tag 10: Fleischeslust überkommt mich, die Debatte um „Pseudomarken“ lässt mich aber zaudern. Fleischhauer kritisieren, dass Handelsketten ihre Ware aus aller Welt holen und lediglich hier verpacken – Österreich-Siegel gibt’s trotzdem dafür. Meine Motivation ist eher schwächlich, trotzdem fahre ich zum „Hödl“ (7,6 km). Er ist der letzte Fleischer der Stadt, der selber schlachtet. Roastbeef, pikante Käsewurst …

Tag 11: Zweifel nagen an mir – noch stärker als der Hunger auf „verbotene Früchte“. Die Futterakquise mutiert zur Lebensaufgabe – ist es das wert? Ist es, wie unter anderem eine erschreckende Studie über Treibhausgasemissionen deutlich macht. Die Tomate aus Holland verursacht 150-mal so viel CO2 wie der Paradeiser aus Wien.

Tag 12: Die Stimmung kippt. Ich vermisse die Wirkung von Koffein, den Gaumenkitzel exotischer Gewürze, den Biss in eine Avocado und die Zeit, die ich nun mit Nahrungssuche verbringe. Zum Trost gibt’s auf Kaffeesatz gezüchtete Austernpilze (von „Hut und Stiel“ in Wien, 14 km), Gemischten Satz (vom „Weingut Zahel“ in Wien, 9 km) und Eis (von „Tichy“ in Wien, 4,4 km). Ich erhöhe den Radius auf 100 Kilometer.

Tag 13: Urlaub. Wir fahren aufs Land zur Oma nach Kärnten. Jetzt wird alles einfacher. Mittags gibt’s hausgemachte Kärntner Kasnudeln, abends regionale Lebensmittel und Schmankerl aus dem Bioladen in Landskron (2,2 km) und dem Klosterladen in Wernberg (3,5 km): Glundner Käse, Grammelschmalz, großartig.

Tag 14, 15, 16: Endlich Fisch! Einmal im Lokal „Rio Argento“ (in Ugovizza, 43,4 km) mit eigener Saibling- und Forellenzucht, dann bei der Forellenstation in Alt-Ossiach (11,4 km). Steaks, Würstel und Co kommen aus dem Familienbetrieb („Marcher Fleischwerke“ in Villach).

Tag 17: Mit prall gefüllter Kühlbox geht’s nach Hause. Bei der Tankstelle kriegt Leo Schwedenbomben (aus Wien, 59 km).

Tag 18: Auf dem Weg zum Rückentraining brüllt ein Shop nach mir. „Lieber Ohne – bio, regional & unverpackt“: Hier füllt man in eigene Behälter ab, was man braucht. Mitbetreiberin Claudia Mäser: „Unser Gemüse kommt aus Wien, der Rest aus ganz Österreich und Nachbarländern. Zitrusfrüchte beziehen wir aus Italien und Griechenland, Bananen, Tee und Gewürze von außerhalb Europas. Wir erstellen unser Sortiment nach einer Art Ampelsystem, man muss immer Kompromisse eingehen.“ Sehe ich auch so. Eine Kuh (auf dem Joghurtglas von „Halbmayr“ in St. Peter/Au) springt in mein Körberl. 55 Kilometer zu viel, ich halte sie nicht auf.

Tag 19: Es ist noch nicht vorbei. Im Reformhaus lachen mich knallpinke Gläser an. Sehr schön gestaltet, mit noch schönerer Idee dahinter. „Unverschwendet“, ein Start-up aus Wien, macht Gutes aus vor dem Wegwerfen gerettetem Obst und Gemüse (unverschwendet.at). Ich kaufe mehr, als ich brauche, und fühle mich irgendwie gut dabei.

Tag 20: Fast geschafft. Zur Belohnung lasse ich mich von dem Mann bekochen, der’s (quasi) erfunden hat. In der „Gastwirtschaft Floh“ in Langenlebarn bestelle ich einen „Sonnenteller“, unter anderem mit gerührter Kamptaler Paradeis-Polenta und Bullhorn-Paprika. 66 Kilometer, geht doch!

Tag 21: Kein Essen, sondern Karten auf den Tisch. Nicht alles, was ich in den letzten drei Wochen verzehrt habe, waren regionale Lebensmittel. Vor allem bei Snacks, Gewürzen und drei Lokalbesuchen war der innere Schweinehund stärker. Aha-Momente gab’s so oder so, meine Lektion(en) habe ich in jedem Fall gelernt.

Wie mich dieses Experiment veränderte

Lektion 1: Wer nach Pilzen aus dem Pielachtal sucht, aber nicht weiß, wo er sie findet, wird zum Schwammerl. Die Jagd auf ausschließlich regionale Lebensmittel ist zeitaufwendig – aber nur, wenn der Radius eng gesteckt ist. Essen aus Österreich gibt’s überall, auch beim Diskonter. Mein Sohn hatte am Experiment überwiegend Spaß, dank Kindergartenverpflegung und einigen Papa-Tagen war er aber oft nur dabei statt mittendrin.

Lektion 2: Der bewusste Umgang regionale Lebensmittel zu finden und der Fokus auf ihre Auswirkungen haben mich angespornt und zugleich auf den Boden der Tatsachen geholt. Mehr als 100 Gütesiegel sorgen für Transparenz, aber auch Verwirrung. Für mich ist die Herkunft oft nicht nachvollziehbar.

Lektion 3: Mein Blick über den Tellerrand wurde geschärft. Einst Verschmähtes wie Fenchel und Rotkraut hat meine Geschmacksnerven wachgerüttelt, in der „Not“ legte ich öfter selber Hand an (Aufstriche, Kuchen etc.), das Wort „Restlessen“ bekam eine neue Bedeutung. Und: Ich wagte mich auf Terrain, das mir bisher zu teuer („Joseph Brot“), zu bobo („denn’s Biomarkt“) oder zu weit weg („Adamah Biohof“) war.

Fazit: Oft habe ich in den sauren Apfel gebissen, manchmal war der Nachgeschmack unerwartet süß. Ich werde in Zukunft nicht nur regionale Lebensmittel kaufen, aber mit Sicherheit öfter. Auch, wenn das längere Anfahrtswege und einen tieferen Griff ins Geldtascherl bedeuten. Ich weiß ja jetzt, wo es was gibt, wie es schmeckt und warum es sinnvoll ist. Und sollte ich das irgendwann wieder vergessen, denke ich an die Tomate aus Holland.

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