Ode an den Tagtraum

Egal, wo ich grad bin: Ich bin mal weg, nur für ein paar Sekunden. Einfach anderswo.
von red
Tagtraum
Illustration: Julia Zotter

Der Bildschirm surrt leise vor sich hin, links und rechts schlagen Kollegen in die Tasten, hinter mir rattert der Drucker, irgendwo höre ich das rhythmische Trippeln von Hundepfoten, und aus der Küche zieht der Geruch von frischem Kaffee. Mein Blick schweift am Bildschirm vorbei zum Fenster hinaus. Seit Wochen hat es nicht mehr geregnet, und die Blätter der Bäume haben sich bereits rostbraun zu färben begonnen. Ihre Farbabstufungen ähneln jenen der Dachschindeln des Gründerzeithauses von gegenüber. Ich blicke über die Dächer hinweg und suche nach Wolken am Himmel, aber da ist nichts.
Bloßes Blau.
Ich muss zwinkern, die Sonne blendet mich, und der Kaffee hilft nicht. Viel- leicht sollte ich kurz die Augen schließen, bloß für ein paar Sekunden, denk ich mir. Und dann geht alles ganz schnell: Die Augenlider werden schwer, der Kopf kippt sanft zur Seite, die Schultern entspannen sich, und die Hände rutschen von der Tastatur.
Ich nehme mich raus und bin weg. Jetzt bin ich überall da, wo ich gerade sein will.

Meistens ist das in den Bergen oder am Meer – Zufluchtsorte, die mir keiner nehmen kann und die, wann immer ich will, für mich da sind. Und wenn ich keine Lust auf Berge oder Meer habe? Dann wandert mein Traum einfach in die alte Villa meiner Großeltern am See. Es ist das erste und einzige Haus, das mir in Gedanken kommt, weil es der einzige Ort ist, der genauso viel Ruhe ausstrahlt wie das Geräusch der Brandung auf meiner Insel oder das lautlose Fallen von Schneeflocken in den Bergen.
Auf dem Bootssteg liegen die orangen Laubblätter der Nussbäume aus dem Garten. Als Kind musste ich sie einsammeln – „Nicht in den See werfen!“, mahnte mein Großvater. In meinen Tagträumen bleiben die Blätter liegen, und niemand kann etwas dagegen machen. Nicht einmal Großvater, der gerade in der roten Plätte sitzt und seine Runden am See dreht. Auch meine Eltern und Freunde sind da, denn ohne diese Menschen wären die Luftschlösser meiner Gedanken nicht viel wert. Und weil es eben meine Träume sind, darf ich entscheiden, wen ich dort treffen will und wen lieber nicht. Zumindest glaube ich das.
Denn das Dumme ist: Träume folgen keinen Regeln. Selbst Tagträume, die wir bewusst zu steuern versuchen, verselbständigen sich irgendwann und werden zu bunten Gebilden unserer Imagination.
Und das ist gut so. Wichtig ist bloß, dass wir nicht vergessen zu träumen. Folgen wir unseren Träumen lange genug, so führen sie uns an einen Ort, an dem Illusion und Realität aufeinandertreffen.
Und bis es so weit ist, nutzen wir einfach unsere Fantasie.

ROBERT MARUNA (31) ist Autor und Journalist bei Bergwelten. Er lebt in Wien.

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