Wenn Menschen helfen – 4 außergewöhnliche Lebensgeschichten über die Nächstenliebe

Vier Frauen und Männer erzählen, wie sie durch den Dienst am Nächsten selbst beschenkt werden und es nicht mehr missen möchten. Plus: Gedanken über die Freiwilligkeit von Michael Landau

Michael Landau über Nächstenliebe als Weltmuttersprache der Menschheit – warum es so wichtig ist Menschen zu helfen und vier außergewöhnliche Menschen, die nichts schöner finden als zu anderen zur Seite zu stehen.

„Ohne ein Du wird keiner zum Ich“

Wie würde unsere Gesellschaft ohne freiwilliges Engagement aussehen?
Kälter, ärmer – die Not wäre größer. Und nicht nur das: Zusammenhalt und Zuversicht sind Grundvoraussetzungen für das Gelingen jeder Gesellschaft. Ich glaube außerdem, dass uns als Menschen, jeder und jedem Einzelnen, in einer Gesellschaft ohne ehrenamtliches Helfen etwas Zentrales fehlen würde: das Gefühl, gebraucht zu sein.

Sie sprechen ja sehr oft mit Freiwilligen: Was motiviert Menschen, oft sehr viel Zeit und Energie für andere zu investieren? Persönliche Motive gibt es fast so viele wie Freiwillige. Aber alle eint wohl, dass sie instinktiv spüren: Der Schlüssel zu einem geglückten Leben liegt darin, sich nicht nur um das eigene, sondern auch um das Glück anderer zu sorgen. Ohne ein Du wird keiner zum Ich. Wenn ich in den vergangenen zwanzig Jahren meiner Tätigkeit bei der Caritas eines gelernt habe, dann, dass ein geglücktes Leben nicht am anderen Menschen vorbei gelingen kann. André Heller hat es sehr schön formuliert: „Das Mitgefühl ist die Weltmuttersprache der Menschheit.“

MICHAEL LANDAU. Der 59-jährige Priester ist seit 2013 Caritas-Präsident und damit oberster Verantwortlicher für die Arbeit von über 50.000 Ehrenamtlichen.

So Menschen helfen anderen Menschen in Not

„Das Wissen, sich aufeinander verlassen zu können, gibt mir eine Sicherheit, die über die Einsätze hinaus wirkt.“ Nikolaus Pfaffenbichler, 36, Notfallsanitäter beim Roten Kreuz

Menschen Helfen: Rettungssanitäter
Bild: Andreas Jakwerth

Ein Bär von einem Mann, der liebevoll seine Kleine auf dem Schoß balanciert – zu Niko­laus fasst man sofort Vertrauen. Seit 17 Jahren fährt er als Rettungssanitäter mit dem Roten Kreuz auf Einsatz. Begonnen hat alles beim Bundesheer. Nikolaus wollte nicht exerzieren, sondern lieber zum Sanitätsdienst. Seinen Oberen war das nur recht. „Der Sanitätsdienst war nicht sonderlich beliebt“, erinnert er sich, „also gab es genügend Plätze.“

Innerhalb von fünf Monaten hatte er die Ausbildung zum Rettungs-­ und Notfall­sanitäter abgeschlossen, überlegte unter dem Eindruck seiner Erfahrungen sogar, Medizin zu studieren. Es wurde dann doch Biotechnologie. Aber Nikolaus machte als Freiwilliger in seiner niederösterreichischen Heimat­gemeinde weiter. „Weil ich mein neues Wissen nicht vergessen wollte und weil ich freie Zeit übrig hatte.“

Natürlich reizten das Abenteuer und der Nervenkitzel. „Aber vor allem ist es ein gutes Gefühl, wenn man etwas gern macht, womit man anderen Menschen helfen kann.“ Die Rettungseinsätze ließen ihn auch als Mensch wachsen: „Ich habe gelernt, Ruhe zu bewahren, auf Menschen in Ausnahmesituationen zu helfen und einzugehen, ihnen die Angst zu nehmen.“

Oft wissen die Helfer gar nicht, was sie am Einsatzort erwartet. „Das Wissen, sich zu hundert Prozent aufeinander ver­lassen zu können, gibt mir eine Sicher­heit, die über die Einsätze hinaus wirkt“, sagt Nikolaus über prägende Momente. „Als Sanitäter habe ich echte Freund­schaften geschlossen, die mir sonst ent­gangen wären.“ Als die kleine Sophia zur Welt kam, überlegte er aufzuhören. „Ich hatte ein schlechtes Gewissen meiner Familie ge­genüber. Meine Frau hat mich ermutigt weiterzumachen. Das finde ich schön.“

„Das Gefühl, zum Funktionieren einer Gemeinschaft beizutragen, macht mich glücklich.“ Petra Kollars, 49, „Gute Seele“ ihrer Pfarre

Frau in der Kirche
Bild: Andreas Jakwerth

„Ich werde gern gebraucht und helfe anderen Menschen.“ Es ist ein einfacher Satz, der dennoch viel über Petra Kollars aussagt – ihre Sicht aufs Leben und ihre Definition von Erholung. Von klassischer Freizeit ist bei der 49-jährigen Wienerin nämlich nicht viel zu bemerken. Fünfzehn Stunden pro Woche „macht und tut“ die 49-Jährige in der Pfarre Rodaun im Süden von Wien, wie sie es nennt: Sie betreut die Pfarrhomepage, den Seniorenclub, Pfarrcafés und -flohmärkte, Kindermessen, den Pfarrball … lässt sich aber auch Neues einfallen, Tanzkurse zum Beispiel, Benefizkonzerte oder Trommelkurse.

Petra kennt und will es nicht anders, schon ihre Eltern engagierten sich in der Kirchengemeinde. Als Jugendliche leitete Petra Jungschargruppen, organisierte das Sternsingen, schenkte beim Pfarrcafé aus. Hauptberuflich arbeitet sie als Chemisch-technische Assistentin. „Für mich waren die Menschen in der Pfarre immer meine erweiterte Familie“, erzählt sie. „Verbunden haben uns gleiche Werte, ähnliche Denkweisen, gegenseitiger Respekt, ein freundlicher Umgang miteinander – und ein sehr starkes Wir-Gefühl.“

Das Bedürfnis, auf ihre Mitmenschen achtzugeben, ist groß. „In der Pfarre sind wir füreinander da. Aus diesem Miteinander wächst eine große Kraft, aus der ich für mein Leben viel Freude und Zufriedenheit schöpfe.“ Die ganze Familie zieht an einem Strang: Auch Petras Mann Stefan ist in der Pfarre aktiv, Tochter Verena betreute die Ministranten, bevor sie zum Studieren ins Ausland ging.

Je älter Petra Kollars wird, je weniger ihre Tochter sie braucht, desto mehr bringt sie sich in der Kirche ein, von der sie nur ein paar Meter entfernt wohnt. „Das Gefühl, zum Funktionieren der Gemeinschaft beizutragen, macht mich glücklich“, sagt sie. „Wenn ich spüre, dass die Pfarre von den Menschen, die hier leben, als Heimat angenommen wird, dann hat meine Arbeit einen Sinn.“

„Ein Vogel sang mir ein Dankeslied.“ Wolfgang Kantner, 49, Vogelschützer

Vogelbeobachter im Wald
Bild: Andreas Jakwerth

Als er beschloss, Vogelschützer zu werden, zählte Wolfgang Kantner zwölf Jahre. Auf einer alten Schreibmaschine tippte er mit zwei Fingern einen Brief an die Öster­reichische Gesellschaft für Vogelkunde, in dem er um die Aufnahme als Vereins­mitglied bat. Fortan beobachtete Wolfgang Vögel. Er lauschte ihren Gesängen, zählte und katalogisierte sie und hat seither nicht mehr damit aufgehört. Geändert hat sich nur der Name seines Vereins.

Dass er Computerfachmann und nicht Ornithologe wurde, lag an den damali­gen Jobchancen. Den Vögeln blieb er auch ohne Honorar treu und übernahm vor zwei Jahren ehrenamtlich auch noch die Stelle des Landesleiters in Wien. Fast jedes Wochenende steigt Wolf­gang morgens in den Zug, um in der Wachau, im Salzkammergut oder im Wienerwald an fixen Zählpunkten vier bis sechs Stunden Vögel zu kartieren: „Ich schreibe auf, welche und wie viele Vögel ich sehe oder höre. So überwachen wir die Bestände.“

Mann sieht durch ein Fernglas
Bild: Andreas Jakwerth

Die intensive Beschäftigung mit den Vögeln und der Einsatz für bedrohte Ar­ten macht ihn glücklich. „Wenn ich in der Früh den Vögeln zuhöre, bin ich ganz bei mir und kehre ausgeglichen nach Hause zurück.“ Ohne sein Ehrenamt, davon ist er überzeugt, wäre er sicherlich nicht so viel draußen: „Es hält mich gesund und beweglich.“ Manchmal geben ihm die Vögel allerdings auch etwas zurück. „Einmal in der Wachau hat eine Heidelerche um Mitter­nacht unterm Sternenhimmel gesungen. Normalerweise singen sie nicht, wenn es dunkel ist. Aber in diesem Moment wusste ich, dass sie nur für mich singt – ein Dankeslied.“

„Ich bekomme so viel Liebe zurück. Auf diese Liebe möchte ich nicht mehr verzichten.“ Sabine Praunseis, 51, Ehrenamtliche Caritashelferin

Menschen helfen: Zwei Frauen sitzen lachend auf einer Bank
Bild: Andreas Jakwerth

Als strukturiert würde Sabine Prauneis sich selbst beschreiben. Sie hält sich an Regeln und wird nicht gern überrascht – weder von Gefühlen noch von spontanen Planänderungen. In der Arbeit als Controllerin bei einer Versicherung kommt ihr das entgegen – im Privatleben nicht so sehr. „Mich hat zum Beispiel aufgeregt, wenn bei Familientreffen jemand abgesagt hat. ‚Mir ist etwas dazwischengekommen‘ habe ich nicht gelten lassen. Von solchen Sachen war ich früher schnell genervt“, erzählt Sabine.
Maria ist spontan und emotional. Die 42-Jährige denkt und handelt wie ein Kind, sie lebt in einer Wohngemeinschaft der Caritas für Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Als Sabine vor dreieinhalb Jahren beschloss, sich „sozial nützlich zu machen“, um anderen Menschen zu helfen und Maria kennenlernte, spürte sie gleich eine Verbindung zu der zarten, kleinen Frau mit der großen Begeisterungsfähigkeit.

Zwei Sozialnachmittage im Monat, die ihr Arbeitgeber ihr schenkt, hat sie seither für Maria reserviert. Sie üben Lesen, Schreiben, Rechnen und Sprechen, in Marias Tempo und unter Rücksichtnahme auf ihre jeweilige Verfassung. In Sabine hat sich seither etwas verändert. „Ich bin ruhiger und gelassener geworden“, sagt sie. „Maria hat mir beigebracht, Dinge anzunehmen, die ich nicht ändern kann.“ Statt sich aufzuregen, übt sie sich in Gelassenheit. „Die Freude an kleinen Fortschritten und Momenten habe ich auch in mein Leben eingebaut.“

Wenn ihre Freundin kommt, sprudelt die Freude richtiggehend aus Maria heraus. „Diese Begrüßung berührt jedes Mal mein Herz“, sagt Sabine. „Ich bekomme so viel Liebe zurück. Auf diese Liebe möchte ich nicht mehr verzichten.“

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