Was Segeln wirklich ist (und was nicht)

Warum Segeln weniger mit Luxus und mehr mit einem Campingurlaub zu tun hat und genau deshalb die Sterne viel heller am Nachthimmel funkeln, weiß Seglerin Constanze Kurz.

Okay, am Meer liegt Österreich leider nicht. Aber immerhin: Bei uns gibt es um die 25.000 wunderschöne stehende Gewässer, und einige davon sind groß genug, um sie per Boot zu erkunden. Doch ganz egal ob Salz- oder Süßwasser: Segeln übt auf die Menschheit seit jeher eine große Faszination aus. Das hat viele Gründe, einer davon ist sicherlich der sogenannte autotelische Effekt. Autotelisch ist griechisch und setzt sich aus den Worten „selbst“ (autós) und „Ziel“ (télos) zusammen und ist eine Tätigkeit, die einzig und allein um ihrer selbst willen ausgeführt wird. Beim Segeln ist man sich zwar seiner Handlungen bewusst, nicht aber seiner selbst. Die Probleme des Alltags sind vergessen.

Man lebt mit einem Minimum an Standard, hat null Privatsphäre, aber es ist einfach nur cool.

Constanze Kurz, Seglerin

Warum wir das wissen? Wir haben mit einer Vollblut-Seglerin gesprochen. Constanze Kurz, Designerin und Inhaberin von Hanna Trachten, hat lange im Ausland gelebt, viel von der Welt gesehen und sehr viele Sportarten ausprobiert – nichts ist wirklich hängen geblieben. „Ich war nie eine große Sportskanone. Meine Eltern haben mich schon als Kind alles Mögliche ausprobieren lassen – von Golf, über Judo, bis zum Segeln lernen im Jugendsegelkurs, bei dem wir mit Sturmwarnung rausgeschickt wurden und 30 Boote kenterten – wir schafften es damit in die Zeitung, aber dabei geblieben bin ich nicht.“

Segel-Wettkampfcrew am Boot im Einsatz
Bild: Constanze Kurz

Seglerin Constanze Kurz erzählt von ihrer liebsten Sportart

Doch das Schicksal und die See hatten anderes mit Constanze vor: „Vor drei Jahren, an einem Punkt der absoluten Urlaubsreife, entdeckte ich ein Posting eines Freundes aus Hongkong, der Leute suchte, um eine Sportsegelyacht von Shenzhen nach Hainan zu segeln, wo eine Regatta stattfand. Ich hab ihn gefragt, ob meine Erfahrungen in der Nussschale ausreichen würden. Er hat mich tatsächlich aufgenommen und so ist eine große Liebe zum Meer, zu Booten und dem Mannschaftssport entstanden. Solche Überstellungsfahrten zu segeln, das ist allerdings nicht nur Sport – es ist harte Arbeit. Je nach Route, segelt man Tag und Nacht durch, teilt sich die Nachtwachen, lebt mit einem Minimum an Standard und hat null Privatsphäre – aber es ist einfach nur cool!“

Vor allem geht es um die Bereitschaft zur Kooperation. Kurz dazu: „Ich genieße bei diesem Mannschaftssport sehr, dass ich eine von vielen bin und – im Gegensatz zu meinem Arbeitsalltag – nicht viel Verantwortung übernehmen muss. Bewusst bin ich Crew-Mitglied und nicht der Boss – trotzdem muss man sich aufeinander verlassen können und natürlich mitdenken.“

Constanze Kurz segelt im Dirndl
Bild: Constanze Kurz

Ich genieße bei diesem Mannschaftssport, dass ich eine von vielen bin. Bewusst bin ich Crew-Mitglied und nicht der Boss – trotzdem muss man sich aufeinander verlassen können und natürlich mitdenken.

Constanze Kurz, Seglerin

3 bekannte Mythen rund ums Segeln

„Segeln ist purer Luxus
Abendstimmung auf dem Segelboot
Bild: Constanze Kurz

Ja schon, also wenn du superreich bist und dir eine eigene Crew leisten kannst, die arbeitet, während du über einem Glas Sprudel lehnst. Seglerin Constanze dazu: „Richtiges Segeln bedeutet durchaus Verzicht auf engstem Raum, wenig Privatsphäre und man muss die Fähigkeit haben, sich in eine Gruppe zu integrieren. Für verwöhnte Einzelkämpfer ist das nichts – und blaue Flecken sind ebenso garantiert. Der wahre Luxus? Nachts funkeln die Sterne über dir und neben dir funkelt das Plankton im Wasser – Momente, die unbeschreiblich schön sind und dir keiner nehmen kann.“ Also: Lasst euch nicht entmutigen: Man kann auch mit ganz wenig Budget segeln, indem man das Boot selbst repariert und in Schuss hält, nicht in Häfen an Land geht, sondern ankert, am Boot kocht, etc. Eher ein Campingplatz-Urlaub statt einem 5-Sterne-Hotel also.

„Segler liegen nur faul herum
Segeln lernen Frau auf einem Steg in einem Hafen
Bild: Constanze Kurz

Das schließt an Mythos Nummer 1 an. Aber man muss unterscheiden, und zwar zwischen:

  • Chartersegeln, wo meist ein Skipper dabei ist und man sich von A nach B bringen lässt, in der Sonne liegt und abends nett essen geht.
  • Luxusyachten, wo man einfach nur zeigen will, was man hat und alles eine bezahlte Crew macht.
  • Richtiges Segeln: ohne Personal, man repariert alles selbst, segelt, navigiert und studiert das Meer. Hier ist man pausenlos beschäftigt auf den Wind zu achten, die Meerestiefen im Auge zu haben, den Kurs zu halten.
  • Regattasegeln ist dann noch einmal eine Stufe mehr Action, weil man in kürzerer Zeit viele Manöver segelt und ständig wendet. Teamgeist und Reaktionsvermögen sind gefragt.
„So viel Zeit habe ich nicht
Segelwettkampf Crew auf dem Boot im Meer
Bild: Constanze Kurz

Natürlich hast du die. Nicht immer muss es gleich ein langer Segelturn über die Weltmeere sein – und wenn, dann lässt sich das hervorragend mit dem Urlaub kombinieren. Trotzdem in Zeitnot? Gerade an Österreichs Seen kann man Segeln, nicht nur lernen (der Grundkurs dauert meist zwei Wochen, bereits nach einer Woche kannst du unter günstigen Bedingungen ein Boot allein segeln), sondern auch so richtig genießen. Und außerdem: Wenn du mal auf den Geschmack gekommen bist, wirst du dir die Zeit ganz sicher nehmen. Denn Segeln ist eine wundervolle Sucht. (P.S.: Wer noch nie einen Fuß auf ein Segelboot gesetzt hat, muss nicht gleich einen Schein machen: Die Angebote zum Mitsegeln sind groß.)

Das ist Segeln wirklich:

  1. Sehr abwechslungsreich: Mal gibt es wenig zu tun und man kann toll entschleunigen, mal gibt es Action beim variantenreichen Spiel mit Wind und Wellen.
  2. Ein großer Spaß: Denn schon allein das „Seglerlatein“, das man beim Segeln lernen muss, ist sehr amüsant. Der Aberglaube sitzt tief und jede Nation dichtet ihren Teil dazu: Frauen an Bord sollen Unglück bringen (wahrscheinlich damit die Männer unter sich bleiben können, pah!), man soll kein Grün tragen, nicht an einem Freitag in See stechen, keine Bananen am Boot lagern, nicht pfeifen … Gesprächsthemen gibt es also immer.
  3. Etwas für Abenteuerlustige: Segeln ist nicht langweilig, sondern sogar ein bisschen unberechenbar. Durch das Wetter weiß man nicht, was einen erwartet. Bei neuen Mannschaften nicht, wen man an seine Seite bekommt.
  4. Ein einmaliges Erlebnis: So nah kommst du den Elementen bei keiner anderen Sportart. Man segelt, um sich selbst zu finden. Sei es die Ruhe oder das Abenteuer, sei es mit Freunden übers Wochenende oder allein um die Welt – Segeln ist Balsam für die Seele.
  5. Segeln lernen ist ein gutes Workout für jedes Fitnessniveau: Auf dem Wasser ist ein hoher Anteil statischer Haltearbeit zu leisten, sprich: es wackelt. Und dadurch werden die Muskeln ganz schön beansprucht. Trainiert werden neben der Kraftausdauer außerdem Gleichgewicht, Koordination, Konzentration und Reaktion.
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