Wie erzählt man Witze, über die jeder lacht? Nachgefragt bei Scherzexperten

Die Kraft der Pointe spüren: Was Lustiges lustig macht und Halblustiges halblustig.
von red
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Bild: Priscilla du Preez/Unsplash

Witze, Juxe, Schenkelklopfer – Ist Comedy schreiben eine Gabe, die einem in die Wiege gelegt wurde, oder handelt es sich doch um knallharte Arbeit? Wir haben bei unterschiedlichen Comedians und Witzeschreibern nachgefragt.

Donnerstag, 10 Uhr: Im Besprechungsraum eines Gründerzeithauses in Wien-Neubau sitzt ein halbes Dutzend Herren, um das Versprechen der TV-Show „Willkommen Österreich“ und ihrer Gastgeber Christoph Grissemann und Dirk Stermann einzulösen: jede Dienstagnacht auf ORF 1 „Gags! Gags! Gags!“ zu servieren.

Witzig sein ist anstrengend

Mathias Zsutty, Redaktionsleiter seit sieben Jahren, hat auf fünf Seiten jene Themen vorbereitet, die möglicherweise einen Witz hergeben. „Schwere Vorwürfe gegen die Ballettakademie“. Oder: „Erstes Bild eines Schwarzen Lochs“. Die Stimmung ist konzentriert und professionell, gelacht wird selten. „Die Arbeit ist anstrengend“, so Franz Stanzl, Hälfte der Kabarett-Truppe „Gebrüder Moped“, einer der Witzeschürfer. „Spaß macht erst das Ergebnis.“

Die Arbeit an einer Pointe ist wie ein Seiltanz: Wer darüber nachdenkt, was er da gerade tut, stürzt garantiert ab.

Michael Pammesberger, 53, „Kurier“-Karikaturist

300 Witze schreiben, 20 Witze erzählen

„Witze schreiben“, sagt Gagschreiber Christoph Winder, in einem weiteren Job Redakteur bei der Tageszeitung „der Standard“, „ist vor allem die Produktion von Ausschuss.“ Denn: „Von rund 300 Witzen, die wir für jede Sendung produzieren“, sagt Zsutty, „bleiben bestenfalls 20, 25 über.“ Nachsatz: „Man glaubt nicht, wie frustrierend die Arbeit an einer lustigen Sendung sein kann.“

Über welche Witze wir lachen

Die Frage, worüber wir lachen, beschäftigt die Menschheit schon ewig. Im antiken Griechenland vermuteten die Philosophen Platon und Aristoteles, dass die Missgeschicke anderer den befreienden Gefühlsausbruch erzeugen. Sigmund Freud behauptete, das Lachen nach einer Pointe sei eine Art Ventil für Sexual- und Gewaltfantasien.

Die Arbeit ist anstrengend. Spaß macht erst das Ergebnis.

Franz Stanzl, 46, ist eine Hälfte des Kabarettduos „Gebrüder Moped“

Auch der österreichisch-britische Schriftsteller Arthur Koestler steuerte 1964 in seinem Buch „The Act of Creation“ eine Theorie bei: Gelacht werde immer dann, wenn zwei Codes aufeinanderprallen, die absolut nicht zusammenpassen. Das Prinzip dahinter erklärt Fritz Jergitsch, Gründer des österreichischen Satireportals „Die Tagespresse“, anhand eines der kürzesten Witze der Welt: „Treffen sich zwei Jäger. Beide tot.“ „Beim ersten Teil, dem sogenannten Set-up, hat man das Bild von zwei Jägern im Kopf, die einander friedlich begegnen. Die Pointe kommt mit dem Schlüsselwort tot, das ganz am Schluss kommen muss. Es verändert diesen Rahmen schlagartig über die Doppelbedeutung des Wortes treffen. Dieser unerwartete Wechsel auf eine andere Ebene löst das Lachen aus.“

Witzetheorien gehen nicht auf

Für die Praxis haben Humortheorien ohnehin wenig Bedeutung. „Die Struktur eines Witzes entdeckt man immer erst im Nachhinein“, sagt zum Beispiel Peter Klien, sechs Jahre lang Gagschreiber für „Willkommen Österreich“ und legendärer Reporter der Show. „Zuerst geht es darum, den Witz als solchen zu erfühlen. Man muss schon beim Formulieren die Kraft der Pointe spüren.“

Comedy schreiben kann man nicht trainieren, das muss man üben. – Wie Hans Krankl sagen würde.

Peter Klien, 48, Brachialinterviewer, Overcover-Reporter

Pointen-Patentrezepte gibt es sowieso nicht. „Dazu funktioniert Humor einfach viel zu spontan und zu variabel“, sagt Michael Pammesberger, Karikaturist der Tageszeitung „Kurier“ und eine Säule des neuen Satireportals „Kurier mit Schlag“. Fakt ist, dass es bis jetzt nicht gelungen ist, die Regeln für einen guten Witz in einen brauchbaren Algorithmus zu fassen: Die Computer konnten jede Menge Witze erfinden – aber nur schlechte.

Treffen sich zwei Jäger. Beide tot.

Fritz Jergitsch, 27, Gründer der Online-Satireplattform „Die Tagespresse“

Was brauchen also Menschen, die lustig sein wollen?

Zuallererst die richtige Lebenseinstellung. „Man sollte sich selbst nicht zu ernst nehmen“, meint Parodist und Kabarettist Alex Kristan. Weiters wichtig: Wortgewandtheit. „Sprache und Humor hängen sehr eng zusammen“, sagt „Tagespresse“-Macher Fritz Jergitsch. Alex Kristan wirft ein: „Wussten Sie, dass man sich in einem Töpferkurs auch im Ton vergreifen kann?“ Die Pointenarbeit selbst sei für ihn ein lustvoller Vorgang, meint Klien – sobald man sich daran gewöhnt habe, auf Befehl lustig sein zu müssen. „Das kann man nicht trainieren, das muss man üben.“ Kunstpause. „Wie Hans Krankl sagen würde.“

Voraussetzung fürs Lustigsein ist ‚sich selbst nicht zu ernst nehmen‘.

Alex Kristan, 47, auch bekannt als „Niki Lauda“, „Heinz Prüller“, „Andi Herzog“ und „Hans Krankl“

Letzte, ganz wichtige Regel: Bravsein wird mit der Höchststrafe belegt – Langeweile. Humor funktioniert im Grenzbereich des Tabubruchs. „Es ist eine Gratwanderung“, gibt Karikaturist Pammesberger zu, „aber ich denke nicht darüber nach. Würde ich das tun, wäre ich wie ein Seiltänzer, der vor jedem Schritt überlegt, was er da eigentlich macht – der stürzt hundertprozentig ab.“

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