Janina Lebiszczak

Wie ich meine Mutter neu kennenlernte und warum ich dafür dankbar bin

Unsere Autorin teilt sehr persönliche Gedanken zum Muttertag, die dich zu Tränen rühren werden.
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Bild: privat

Ich war immer ein Papakind.

Denn der Papa, der war uns allen heilig, und das zu Recht. Weil er ein wirklich toller Kerl war, auf jeder Ebene. Unsere tiefe Verbindung hält über seinen Tod – das war vor fünf Jahren – hinaus. In seinem Namen vergebe ich sogar jährlich einen Menschenrechtspreis, weil ihm das zu Lebzeiten ein wichtiges Anliegen war.

Aber ich will heute ausnahmsweise mal nicht von meinem Vater sprechen, dem Überlebensgroßen. Sondern von meiner Mutter, der Lebendigen.

Dass meine Mutter ein Leben hat und hatte, das nicht nur um mich und meinen Vater kreiste, ist mir erst sehr spät bewusst geworden. Ihre Bedürfnisse, ihre Gewohnheiten und Wünsche waren allein uns gewidmet, so schien es.

Meine Mutter legte uns den roten Teppich für ein perfektes Dasein täglich neu aus: Sie umsorgte uns, verwöhnte uns, sie kochte täglich frisch, mehrmals – ich erinnere mich daran, dass mein Vater und ich am Weg nach Hause gerne zum Balkon hinauf riefen, was es denn diesmal Feines zu Mittag geben würde.

Sie hielt die Wohnung rein und sich in Form, immer gepflegt, immer ein Augenschmaus, immer repräsentativ, ein beliebter Gast an der Seite des Herrn Papas. Sie war aber auch diejenige, die daheim den „Bad Cop“ spielte, wenn ich in der Schule wieder mal den Mund zu weit aufriss. 

Sie war die Strenge, er war der Liebe, Lustige, Coole. 

Sie machte sich Sorgen um meine Frisur und meine Figur. Er ging mit mir auf Weltreise. Sie überbrachte die schlechten Nachrichten. Er war mein Held. Sie stachelte und stichelte. Er lud uns zur Versöhnung zum Nobel-Italiener ein. Meine Mutter war vielleicht keine Eislaufmutter, aber immer dafür zuständig – und das gilt bis heute –, dass ich nicht abhebe. Und ihr wisst, wie beliebt Kontrollorgane sein können.

Heute schreibe ich also über meine Mutter, die mir das Leben schenkte. Obwohl ich, ob meiner ungewöhnlichen Baby-Kompaktheit, unser beider Leben bei der Geburt gefährdete, damals, vor fast 45 Jahren. Über meine Mutter, die mir erst spät gestand, wie allein sie sich in den ersten Monaten mit mir daheim fühlte. Und dass sie gar nicht so gerne kocht.

Denn meine Mutter, das Kind einer Arbeiterin, das Kind einer Alleinerzieherin, hatte Kollegen und ein Büro, in das sie gerne ging, auch wenn ihre Arbeit von außen betrachtet vielleicht nicht so glamourös war wie die meines Vaters, des Werbebosses.

Sie wurde aufgrund ihrer eleganten Schönheit von vielen Männern verehrt. Doch wenige sahen ihren hintergründigen Witz, ihre trockene, unaufgeregte Art, an Dinge heranzugehen, ihre Scheu vor Oberflächlichkeiten, ihre große Vorsicht, die auch heute oft nur Mittel zum Zweck ist.

Ihre Botschaft lautet: ‚Bleib am Leben, mein Kind, und mach keinen Blödsinn. Aber bleib dir ruhig treu, denn du bist großartig.‘

Dass ich all das in der gebührenden Schärfe erkennen konnte, hat den Tod meines Vaters gebraucht, das gebe ich zu. Unsere Blicke hatten stets auf ihm geruht und nicht aufeinander. Und dann, als es nur noch uns gab, mussten wir uns arrangieren. Ich verstellte mich nicht mehr. Und sie verstellte sich auch nicht mehr.

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Bild: Eva und Janina Lebiszczak

Dann kam die zweite große Krise in unserem Leben, im Leben aller: Corona.

Was hatte ich mir den Kopf darüber zerbrochen, dass sie, die Übervorsichtige, die Ängstliche, ob der vielen neuen Herausforderungen den ihrigen komplett verlieren wird. Denkste. Pragmatisch und immer mit gesundem Menschenverstand ist sie es angegangen.

Verzicht fällt ihr nicht schwer, Geduld hat sie endlos, und die größte „Socializerin“ war sie nie. Sorgen darüber, dass sie unmaskiert in den Supermarkt und Baumarkt stürmen oder sich gar die Finger lecken würde, musste ich mir keine machen.

Also haben wir in den ersten Wochen nach dem Shutdown aufeinander verzichtet und später dann haben wir im Park auf einem Holztisch miteinander Mitgebrachtes gespeist. Am Muttertag nun also werde ich wieder (mit gebührendem Abstand, eh klar) die mütterliche Wohnung betreten. Die Wohnung, in der ich zwanzig Jahre lebte und so viele Türen in Rage vor ihrer Nase zugeschmissen habe.

Sie wird kochen, Fisch und nicht vor Wut.

Eine gute, große Fischplatte. Nach langer, langer Zeit wieder. Denn nach dem Tod meines Vaters hatte sie keine Lust mehr darauf, in der Küche zu stehen.

Das Leben ist ein eigenartiger, kleiner, großer Fluss mit unglaublicher Wucht und unendlich vielen Windungen. Ich bin ihm immer öfter dankbar und speziell für dieses neue Ufer.


Ach ja: Meine Mutter ist wirklich eine tolle Frau auf jeder Ebene.

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Bild: Eva Lebiszczak
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