Was macht Lachen so heilsam?

Verbände aus Toilettenpapier, Schokoeis-Diät, Fiebermessen mit dem Maßband: Wie Clowns zu Ärzten wurden und Ärzte zu Clowns. Und wieso in Intensivstationen unbedingt mehr gelacht gehört.
von Holger Potye | 8. August 2019
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Robin Williams als Patch Adams im gleichnamigen Film (1998)

Es ist der 18. Mai 1986. Ein 39-jähriger Mann betritt, eine schwarze Arzttasche unterm Arm, das Columbia Presbyterian Medical Center in New York. In der Tasche: Jonglierbälle, wie sie für Augentests verwendet werden, Plastikspinnen für Herzbelastungstests und eine Clownsnase. Er öffnet die Tür zur Kinderabteilung, pappt sich einen roten Softball auf die Nase und stellt sich am Empfang als Dr. Stubs vor.

Lachen, wo es zuvor kein Lachen gab

Die nächsten 20 Minuten werden zu seiner Bestimmung. Der Mann, der sich Dr. Stubs nennt, heißt mit bürgerlichem Namen Michael Christensen. Er arbeitet als Zirkusclown. Eine Dame, die für die Kinderabteilung des Spitals Spenden sammelte, hatte ihn gebeten, für Kinder aufzutreten, die eine Herzoperation hinter sich hatten.

Eine geniale Idee.

Denn Dr. Stubs brachte erstmals das Lachen an jenen Ort, an dem es davor kein Lachen gab. Und nicht nur die Kinder waren auf Anhieb begeistert, auch der Chefarzt. Er bat ihn wiederzukommen. Also entwickelte Christensen die Big Apple Circus Clown Care Unit. Es war die weltweit erste Organisation, die Proficlowns in Kinderkliniken entsandte.

Patch Adams

Für die Allgemeinheit ist aber ein anderer Kandidat der Inbegriff des Krankenhausclowns: „Patch Adams“. Als im Jahr 1998 der Film mit Robin Williams in den Kinos anlief, erlangte der US-Arzt Hunter Doherty „Patch“ Adams weltweite Berühmtheit. Allerdings versteht sich Patch mehr als Gesundheits- denn als Klinikclown. Er ist politisch aktiv, will medizinische Strukturen verändern.

Adams und Christensen verbindet eine Freundschaft – was sie unterscheidet, formuliert Christensen:

Patch ist ein Arzt, der sich als Clown verkleidet. Ich bin ein Clown, der sich als Arzt verkleidet.

Das Rüstzeug eines Spitalclowns sind Einfühlsamkeit, Improvisation, Fantasie, Geduld und Musik. Das Prinzip lautet: ablenken und unterhalten, um Leid und Schmerz vergessen zu machen. Die freundlichen, tollpatschig-hilflos agierenden Doktoren mit den roten Nasen messen Fieber mit einem Maßband, legen Toilettenpapierverbände an und verschreiben ihren kleinen Patienten eine Schokoeisdiät. Spaß und Lebenslust kehren zurück, das aktiviert die im Menschen schlummernden Heilkräfte.

Europas Wiege der Clowntherapie

Das Wiener AKH war 1991 die Wiege der Clowntherapie in Europa, die ersten CliniClowns waren Roman Szeliga (Facharzt für Innere Medizin, Humorexperte, Zauberkünstler) und die irische Schauspielerin Kathy Tanner. Szeliga erinnert sich an den Beginn: „Die Kardiologin Dr. Suzanne Rödler gab im September 1991 den Anstoß. Wir mussten unsere medizinischen Clowntechniken aber erst entwickeln – wir hatten keine Vorbilder außer ein Video von Michael Christensen und Patch Adams. Ich habe Luftdruckmanschetten zu Ballonmaschinen umfunktioniert.“

Man spürte Hoffnung. Wir hatten gewonnen.

Die ersten drei Monate waren entscheidend, ob Spitalsclowns in Europa eine Zukunft haben. „Wir wussten, wir müssen extrem gut sein, wenn wir die Idee nicht sterben lassen wollten. Wir wurden von allen Seiten beobachtet. Sind wir laut? Stören wir den Betrieb? Erschrecken wir die Kinder? Gott sei Dank war das Ergebnis gleich gut wie in Amerika. Kinder haben Therapien wieder angenommen. Man spürte Hoffnung. Wir hatten gewonnen“, erzählt Szeliga.

Aber selbst wenn ein Mediziner wie Roman Szeliga täglich mit Tod, Schmerz und Leid konfrontiert wurde, stieß er als Krankenhausclown immer wieder an seine Grenzen. „Wenn du einen Patienten verlierst, wenn so ein Zwerg eine schwere Erkrankung hat und immer dünner wird und dich mit diesen müden Augen anschaut und dich noch einmal umarmt… Puh! Wir haben auch manchmal vor Patienten geweint – mit den Eltern. Es ist wichtig, in manchen Momenten aus seiner Rolle auszusteigen. Ich erinnere mich an Freudentränen und Trauertränen.“

Ein unvergesslicher Moment

Einen Moment wird der ehemalige CliniClown nie vergessen. Ein junger Patient wurde auf die Intensivstation verlegt. Also beschlossen er und Clownkollegin Kathy, ihn zu besuchen: „Der Arzt kam heraus und meinte: ‚Das könnt ihr nicht machen – die Intensivstation ist steril!‘ Doch Kathy öffnete die Tür und trat ein. Ich dachte mir: ‚Jetzt gibt’s Schwierigkeiten.‘ Die Schwester kam auf uns zugelaufen und rief: ‚Hallo, was tun Sie hier? Clowns haben auf einer Intensivstation nichts verloren!‘ Kathy antwortete wie aus der Pistole geschossen: ‚Kleine Kinder auch nicht!‘ ‚Da haben Sie recht‘, meinte die Schwester und winkte uns herein.“

*** Hier findest du den Podcast mit CliniClown-Gründer Roman Szeliga zum Nachhören. ***

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