In Partnerschaft mit
Andrea Vaz-König

Lust auf Sommer-Artischocken

Essen mit allen Sinnen und süße Bitterkeit – diese stattliche Pflanze macht es möglich. Sie ist mehr als ein Gemüse – denn sie hat ein Herz!
Foto: assalve / getty images

Schon einmal die pure, ganze Artischocke gegessen? Nein? Wer Artischocken bisher nur als Pizzabelag oder in Öl eingelegt im Glas erfahren und die Pflanze in ihrer Gesamtheit noch nicht genossen hat, darf sich auf eine ganz besonders sinnliche Erfahrung freuen.

Luxusgeschöpf

Ursprünglich in der Levante beheimatet, reiste die Artischocke über Sizilien nach Italien und breitete sich im Barock über die Tafeln der Aristokratie von Frankreich nach England und schließlich auch im deutschsprachigen Raum aus. Schon der alte römische Gelehrte Plinius der Ältere beschreibt die Wirkung des Luxusgeschöpfes Artischocke in seiner „Naturalis historia“ und empfiehlt sie wegen ihrer besonderen Qualitäten zu Reinigung und Entgiftung von Leber und Blut – was sie zum idealen Begleiter ausschweifender Gelage machte. Es ist ihr Bitterstoff Cynarin, der hier seine Wirkung entfaltet und in konzentrierter Form im italienischen Artischocken-Amaro Cynar zum Digestiv oder Aperitif genossen werden kann.

Die
Austro-Saison der Artischocke

Eigentlich ist die Artischocke ein klassisches Wintergemüse, das aus Norditalien zu uns gebracht wird – bis findige heimische Spargelbauern, deren Saison mit Ende des Frühlings zu Ende geht, den Anbau ihrer einjährigen kleinen, aber feinen Schwester als Folgefrucht zum Spargel in unseren Breiten in Erwägung zogen und eine Sommerernte ins Leben riefen. Seitdem freue ich mich mit dem Beginn des Sommers jedes Jahr auf ihre zweite – heimische – Saison mit den kleinen und feinen Artischocken von Stephanie Theuringer aus dem Marchfeld. Wer im Süden Österreichs zu Hause ist, kann heimische Artischocken vom Kammerhof der Familie Jäger im Lavanttal in Kärnten genießen.

Essen mit
allen Sinnen

Je tiefer ihr an das Herz der Artischocke vordringt, desto fleischiger wird das Blatt und ergiebiger das Resultat.

Wie kann man sich der Artischocke aber nähern? Wenn wir sie essen, genießen wir die Blütenknospe einer Distelpflanze. Ihr Kopf ist noch verschlossen, Blatt für Blatt wird von der gekochten Artischocke abgezogen, in eine Vinaigrette getunkt, und mit den Zähnen wird das Fruchtfleisch von dem Blatt abgezogen. Je tiefer ihr an das Herz der Artischocke vordringt, desto fleischiger wird das Blatt und ergiebiger das Resultat. Bis ihr zum Schluss ihr Herz in der Hand haltet und es in seiner Gesamtheit mit dem Blütenboden verspeisen könnt.

Sollten sich am Blütenboden unangenehme Stacheln befinden, ist das ein Zeichen dafür, dass die Artischocke schon reifer ist und sich die Blütenblätter in ihrem Inneren beginnen auszuformen. Denn wenn die Knospe nicht geerntet wird und die Pflanze am Feld stehen bleiben darf bis zu ihrer vollen Erblühung, öffnen sich ihre Blätter selbst, und eine wunderbare lila Pracht von Blütenfäden entfaltet sich.

Süsse
Bitterkeit

Die Zubereitung ist kinderleicht:

  • Die Artischocke, am besten mit Stängel, in kochendes gesalzenes Wasser geben.
  • Ein Schuss frischer Zitronensaft lässt ihre grüne Farbe aufleuchten.
  • 15 bis 20 Minuten köcheln lassen, und schon ist sie genussbereit.

Der Stängel kann übrigens auch gegessen werden und hat eine spargelähnliche Konsistenz, liegt aber geschmacklich ganz und gar auf Niveau des Artischockenherzens.

Neben ihrer sinnlichen Optik und dem genussvollen Konsum mit den bloßen Händen setzt die Artischocke mit ihrer erotisierenden Wirkung ihrem Genuss noch die Krone auf – jungen Mädchen soll früher angeblich vom Genuss der Artischocke abgeraten worden sein. Ein Grund mehr, sie und ihre Wirkung auszuprobieren!

Lust auf Artischocken à la nage? Hier gibt’s das Rezept zum Download.

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