Melanie Pignitter

Die „Mir geht es gut“-Lüge und was sie bedeutet

Viele antworten auf die Frage „Wie geht es dir?“ automatisch mit „Gut“. Warum uns hier ein bisschen Ehrlichkeit guttun würde.
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Bild: Erik McLean/Unsplash

Ich überlege gerade, wie oft ich diese Woche schon jemanden gefragt habe, wie es ihm geht. Vermutlich genau so oft, wie ich die Antwort „Mir geht es gut“ erhalten habe.

Geht es dir wirklich gut?

Obwohl diese Frage eigentlich das Potenzial in sich trägt, zwischenmenschliche Beziehungen zu vertiefen und außerdem ein tolles Werkzeug für Selbstreflexion und persönliche Weiterentwicklung ist, nutzen die meisten Menschen sie eher wie eine Grußformel.

Die meisten Menschen nutzen die Frage eher wie eine Grußformel.

Auch ich beantwortete diese Frage früher häufig mit einem unbewussten „Mir geht es gut“. Hin und wieder habe ich dann noch hinzugefügt, dass es gerade ein wenig stressig ist oder dass mich ein Schnupfen plagt. Ich kann mich aber nicht daran erinnern, dass ich jemals gesagt hätte „Mir geht es heute miserabel, mein Herz schmerzt, ich fühle mich unnütz, kraftlos oder ungeliebt.“

Warum ich jetzt ehrlich antworte

Als ich 2015 schwer erkrankte, stieß ich mich plötzlich an der Befindlichkeitsfrage und ihrer vorprogrammierten Antwort. Vollgepumpt mit Medikamenten, die meine chronischen Dauerschmerzen ein wenig eindämmten, brachte ich die klassische Antwort auf die so oft gestellte Frage plötzlich nicht mehr über die Lippen.

Diese Erfahrung lehrte mich, öfter mal in mich hineinzuhorchen und zumindest mir selbst ehrliche Antworten zu geben.

So schmerzhaft diese Erfahrung damals auch war – so lehrte sie mich auch etwas. Nämlich öfter mal in mich hineinzuhorchen und zumindest mir selbst ehrliche Antworten zu geben. Wieso das gut ist und welches Potenzial sich hinter der Frage verbirgt, möchte ich heute erzählen.

Wie du die Befindlichkeitsfrage zu deinem Wohle nützen kannst

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Bild: Daniel Mingook/Unsplash

In jener Zeit, als meine Schmerzkrankheit mein Leben dominierte, bat ich meine Freunde darum, mich nur dann nach meinem Befinden zu fragen, wenn sie ehrliches Interesse und die entsprechende Geduld für meine Antwort hätten. Meine Familie, mein Partner und sehr enge Freunde fragten weiterhin danach und ich erfuhr, wie erleichternd es ist, die eigenen Gedanken und Gefühle häufiger zu teilen.

Ich erfuhr, wie erleichternd es ist, die eigenen Gedanken und Gefühle häufiger zu teilen.

Außerdem hatten meine ausführlichen Antworten einen weiteren positiven Effekt. Sie beförderten meine Gefühle, für deren Reflexion im Alltag oft keine Zeit bleibt, vom Unbewussten ins Bewusste. Dadurch erkannte ich immer öfter meine Bedürfnisse und lernte, achtsamer mit mir selbst umzugehen.

Im Laufe der Zeit habe ich mir drei Fragen zusammengestellt, auf die ich im Alltag immer wieder zurückgreife:

  • Wie fühle ich mich? Welches Gefühl ist heute besonders dominant?
  • Wo im Körper spüre ich das Gefühl?
  • Was bewegt und beschäftigt mich gerade in Gedanken?

Was passiert, wenn man ehrlich antwortet

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Bild: Pavel Nekoranec/Unsplash

Das Verbannen der „Mir geht es gut“-Antwort hatte aber noch weitere Auswirkungen. Durch meine tiefgreifende Antwort auf die Befindlichkeitsfrage erhielt auch ich immer häufiger Einblick in die wahre Gefühlswelt meines Gegenübers. Anstatt eines Smalltalks entstanden immer mehr bewegende Gespräche. Eigentlich ist das wenig verwunderlich, denn die Frage „Wie geht es dir?“ lässt sich vielfältig übersetzen bzw. begreifen: 

  • Was bewegt dich gerade?
  • Was begeistert dich?
  • Was bedrückt dich aktuell?
  • Welchen Grund zur Freude hast du?
  • Welche Wünsche und Sehnsüchte brennen in dir?

Warum du dadurch achtsamer wirst

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Bild: Gabriel Gabriel/Unsplash

Natürlich haben nicht alle Menschen, die uns nach unserem Befinden fragen, Interesse an einer tiefgründigen Antwort. Ebenso wollen wir diese vermutlich nicht mit jedermann teilen. Und dennoch deute ich die einzelnen „Wie geht’s dir?“ im Alltag als Reminder.

Während meine Antwort „Mir geht es gut“ lautet, erinnere ich mich in Gedanken daran, dass es vermutlich wieder einmal Zeit für mehr Achtsamkeit mir selbst gegenüber ist. Ich bilde mir sogar ein, dass mir immer dann, wenn die Hektik des Alltages lauter ist als meine innere Stimme, besonders viele Befindlichkeitsfragen begegnen.

Zeit für ein Gespräch mit sich selbst

„Aha! Es ist wohl wieder an der Zeit, meinem Innenleben mehr Aufmerksamkeit zu schenken“, denke ich dann und reserviere mir im Anschluss nicht selten gleich zehn Minuten für ein ausgiebiges Selbstgespräch.

„Und wie geht es dir?“

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