Ich, die Abrissbirne

In einem „Rage Room“ darf man nach Herzenslust Gegenstände zerdeppern. Das kann ungemein entspannend sein.

Muskelkater. In den Fingern, im Kiefer, in den Füßen und auch sonst noch an ungewöhnlichen Stellen. Das ist wohl der Preis dafür, wenn man sich mal so richtig gehen lässt. Gerade bin ich von einer Pressereise nach Kreta zurück, wo sich der „Cooks Club“ als perfektes Hotel für die Ansprüche einer neuer Generation versteht. Reduziert, aber schick – instagramable quasi –, mit vielen Features, die Jungen und Junggeliebenen Spaß machen, darunter eine private Disco für den Karaoke-Abend, ein Escape Room, in den man vor dem bösen Clown aus „Es“ flieht, und: ein Rage Room.

Meine Wahl fiel auf Letzteren, weil ich nicht singen kann und Clowns hasse. Und: Ich habe noch nie etwas mutwillig zerstört. Oh ja: einmal ein Buch, das Geschenk eines Verflossenen, und danach hatte ich tagelang schlechtes Gewissen. Dem Buch gegenüber, versteht sich.

Wer hat nicht schon mal eine Irrsinnswut auf einen Drucker gehabt? Eben.

Im Rage Room darf schon mal mehr in Stücke gehauen werden: Teller, Gläser, Flaschen, aber auch Lampen, Bildschirme, TV-Geräte und: Drucker. Ich nehme das „Hooligan-Paket“, denn da ist ein Drucker inkludiert – und wer hat nicht schon mal eine Irrsinnswut auf so ein Teil gehabt? Eben.

Ein junger Mann erklärt mir die Gepflogenheiten, mir ist alles furchtbar peinlich, fast möchte ich mich dafür entschuldigen. Ich zwänge mich in einen zu engen Arbeitsoverall (Millenials sind sehr schlank), ziehe Schutzbrille, Helm und Handschuhe über und begebe mich in den knallgelb ausgemalten Rage Room.

Mit Brechstange und Vorschlaghammer

In der Mitte steht eine zerbeulte Regentonne, an der Wand hängen Brechstange, Vorschlaghammer und Aluminiumbaseballschläger. Ich nehme den Baseballschläger in die Hand und komme mir noch blöder vor, irgendwie so, als hätte ich mir einen Escortboy für dunkle Begierden gemietet.

Der junge Mann bringt den Drucker. „Please smash only in one direction“, bittet er mich – es gilt, die Kameras nicht zu beschädigen, die zwecks Überwachung angebracht sind. Dann schließt er die Türe von außen, ohrenbetäubende Heavy-Metal-Musik setzt ein.

Hau drauf

Das Phänomen „Rage Room“ stammt – no na net – aus den USA und gilt als Mittel zum Stressabbau. Psychologen meinen zwar, es sei wenig sinnvoll, seine Wut loszuwerden, indem man Gewalt anwendet – der Erfolg von Rage Rooms spricht eine andere Sprache. Ich habe meine unterdes verloren und überlege, den Baseballschläger wieder an die Wand zu hängen und mich zu verabschieden.

Aber einmal draufhauen sollte ich. Nur zum Versuch. Das bin ich meiner Neugierde quasi schuldig, sie hat mich doch schon so reich beschenkt. Ich erinnere mich daran, was ich beim Boxen gelernt habe – „die Kraft kommt immer aus der Körpermitte“ – und lasse den Schläger auf den Drucker knallen. Kawumm. Der hat gesessen. Der Drucker spuckt Schrauben und Plastik. Von da an bin ich im Rage Mode, ganze 30 Minuten lang.

Einen ähnlich konzentrierten und gleichzeitig entleerten Geisteszustand kenne ich nur von Yoga oder Meditation.

Der Stiel des Vorschlaghammers ist zu kurz, mit dem kann man nur blöd zerdeppern, nicht wirklich zerstören, die Brechstange allerdings hilft mir bei der Feinarbeit. Und der Baseballschläger? Der ist einfach famos, so leicht und dabei so effektiv. Ich versuche möglichst gezielt zu schlagen und möglichst großen Schaden pro Schlag anzurichten. Vergessen ist das schlechte Gewissen, vergessen, dass mir ein 20-jähriger Grieche dabei zuschaut, wie ich mich gerade völlig vergesse. Tatsache: Einen ähnlich konzentrierten und gleichzeitig entleerten Geisteszustand kenne ich nur von Yoga oder Meditation. Und ich schwöre: Ich denke an keinen Ex-Boss, ich denke an keinen Ex-Freund, ich habe einfach Freude daran, wie der Drucker unter lautem Getöse einer neuer Form der Nachhaltigkeit zugeführt wird. Danach folgt das Alt-Glas zum Drüberstreuen – im wahrsten Sinne des Wortes.

Wütend? Fehlanzeige.

Was ich dabei über mich gelernt habe? Nun, wer kennt ihn nicht, den heißen, aber nicht ausgelebten Wunsch, gegen Türen zu treten, Computer vom Tisch zu schleudern oder Gläser zu zerschmettern? Ich hab’s gemacht und niemanden dabei verletzt. Man muss wirklich nicht sonderlich wütend sein, um genügend Zerstörungskraft zu entwickeln, offenbar ist diese angeboren. Anstrengend und schweißtreibend ist es, und danach stellt sich eine wunderbare Entspannung ein.

Das Bemerkenswerte: Ich war keine Sekunde lang wütend. Ich fühlte mich fast gereinigt in diesem Rage Room auf Kreta. Wie heißt es so schön: Ein aufrichtiges Donnerwetter ist besser als ein falsches Vaterunser.