Einfach mal niksen: Warum Nichtstun so gesund ist

Was die Wissenschaft über die Untätigkeit zu sagen hat.
Frau sitzt auf Boden
Bild: Lena Bell/Unsplash

Nichts tun. Das klingt erstmal einfach: Computer weg, Handy weg – oder zumindest die Arbeitsmails ausschalten – auf der Couch sitzen, Augen schließen und warten, dass eben nichts passiert. Es ist nun mal so: In der Hektik des Alltags wäre diese Minimalbeschäftigungstherapie eine begrüßenswerte Abwechslung. Doch jeder, der beim Shavasana am Ende einer Yoga-Stunde schon mal gehört hat, er oder sie solle Gedanken einfach wegschicken und nichts denken oder tun, weiß, dass das alles nicht so einfach ist.

Jeder, der schon mal gehört hat, er oder sie solle Gedanken einfach wegschicken, weiß, dass das alles nicht so einfach ist.

Sogar wenn wir schlafen, tun wir viel

Unser Gehirn verarbeitet die Geschehnisse des Tages und verpackt sie in Traumbilder, unsere Zellen erneuern sich und auch der Aufbau der „Killerzellen“ des Immunsystems passiert nachts. Von selbst tritt dieser inhaltslose Zustand also so gut wie nie ein. Doch würde es nicht dem Sinn der Sache widersprechen, wenn das Nichts-Tun plötzlich auf der Zu-tun-Liste steht?

Würde es nicht dem Sinn der Sache widersprechen, wenn das Nichts-Tun plötzlich auf der Zu-tun-Liste steht?

Als die US-amerikanische Künstlerin Jenny Odell eine Rede mit dem Titel „How to do nothing“ hielt und das Transkript daraufhin online stellte, wurde es schnell viral. Sie beschrieb, wie das moderne Leben unsere Zeit und Aufmerksamkeit in Anspruch nehme. So sehr, dass unsere Grenzen zwischen Arbeit, Freizeit und Ruhezeit komplett verschwommen seien.

How to do nothing von Jenny Odell

Ihr Gegenentwurf? „How to Do Nothing: Widerstand gegen die Aufmerksamkeitsökonomie“, eines von vielen Büchern, das versucht, den kulturellen Moment des Abstandnehmens beschreibt.

Odells Ansatz ist simpel; sogar simpler als Meditation: So fragt sie sich einfach in einem alltäglichen Moment, was ihr an einer gewissen Szene oder einem gewissen Ort noch nie aufgefallen ist. Das kann ein Vogel vor dem Fenster oder ein gewisser Geruch auf dem Weg zur Arbeit sein. Nicht gerade nichts, aber zumindest ein bewusster Abstand vom normalen Geschehen.

Niksen wie die Niederländer

Ein wenig erinnert das auch das, was Olga Mecking in der New York Times als niksen beschreibt: Fans des Hygge-Lifestyles wissen, dass die Länder des europäischen Nordens uns in Sachen Wohlbefinden meist einen Schritt voraus sind. Wieso sollte es also nicht auch ein passendes Wort für das wertvolle Nichts-Tun geben? Niksen nennen die Niederländer dieses Nichts: Ein Aus-dem-Fenster-Starren, ein Sitzen-und-sich-nicht-Bewegen, also: die Kunst, ein wenig Zeit zu verschwenden.

Die Niederländer nennen die Kunst, ein wenig Zeit zu verschwenden, niksen.

Wozu niksen?

So weit, so gut. Doch wozu brauchen wir diese niksen-Momente überhaupt?
In einer Studie bat Sandi Mann, Psychologin an der Universität of Central Lancashire in Großbritannien, Teilnehmende an einer langweiligen Schreibübung teilzunehmen und daraufhin eine kreative Aufgabe zu lösen.

Durch Langeweile hat unser Gehirn Zeit, nach einer eigenen Stimulation zu suchen.

Die Kontrollgruppe ließ den ersten Teil aus. Die „Gelangweilten“ stellten sich als kreativer heraus. Mann erklärt das als eine positive Folge des Tagträumens. Unser Gehirn hätte dadurch Zeit, nach einer eigenen Stimulation zu suchen. Sprich, zu wandern. Und schon werden wir inspirierter, kreativer.

Frau sitzt auf Bett
Bild: Kinga Cichewic/Unsplash

Ist dieses Nichts, nach dem wir suchen, also vielleicht einfach nur gesunde Langeweile?

Ist dieses Nichts, nach dem wir suchen, also vielleicht einfach nur gesunde Langeweile? Kommt man vom Stigma der modernen Gesellschaft weg, die uns auf Aufmerksamkeit drillt, könnten wir als ersten Schritt diese Langweile (für uns oft gleichgesetzt mit Verschwendung und Faulheit) neu definieren. Wenn uns also jemand fragt, was wir gerade machen, sollten wir bereit sein, voller Stolz zu sagen: nichts.

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