Christiane Tauzher

4 Menschen, die freiwillig Gutes tun

Wir haben Österreicher getroffen, die Freiwilligenarbeit leisten, und gefragt: Wie gut tut es eigentlich, Gutes zu tun?
Kopie von Ohne Titel (9)
Bild: Andreas Jakwerth

Miriam Moser, 23 | Freiwillige Feuerwehrfrau

Aufrechte Haltung, ein gerader Blick aus blauen Augen: Trotz ihrer jungen Jahre umgibt Miriam eine gewisse Souveräni­tät. Seit neun Jahren engagiert sie sich bei der Freiwilligen Feuerwehr ihres Tiroler Heimatortes. „Schon als Kind habe ich mich im Feuerwehrhaus herumgetrieben und bei den Übungen zugeschaut“, er­zählt sie, „gemeinsam mit meiner besten Freundin, deren Vater Kommandant war.

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Miriam Moser ist im Hauptberuf technische Angestellte. Sie lebt in Steinberg am Rofan. (Bild: Andreas Jakwerth)

Selbst Kommandantin zu werden, dar­über hatte Miriam bis vor einem Jahr nicht nachgedacht. Aber als keiner der anderen zwanzig Freiwilligen – allesamt Männer – den Posten übernehmen woll­te, sagte Miriam irgendwann: „Okay, ich mach’s.“

Anfangs musste sie sich dazu über­winden, vor die Mannschaft zu treten. „Eigentlich bin ich ein schüchterner Mensch. Ich habe mir lange selber nichts zugetraut.“ Mit der Aufgabe wuchs jedoch ihr Selbstbewusstsein. „Ich bin mir jetzt auch sonst meiner Fähigkeiten viel be­wusster.

Das Gefühl? Eine Mischung aus Erleichterung – wie nach einer bestandenen Prüfung – und tief empfundenem Glück.

Zwei Großbrände hat sie mit ihrem Team schon bewältigt. Das Gelernte zum richtigen Zeitpunkt, unter Druck und Anspannung, anwenden zu können sei eine große Erfahrung. Das Gefühl da­nach? „Eine Mischung aus Erleichterung – wie nach einer bestandenen Prüfung – und tief empfundenem Glück.

Als Heldin fühlt sie sich nicht, „eher als Mädchen für alles“. Fahrzeuge warten, Fortbildungen organisieren, an Fest­tagen mit der Fahne ausrücken, Unifor­men und Gerätschaften bestellen – „das gehört auch dazu“, sagt Miriam. „Aber ich bin gern verantwortlich für etwas. Es macht mich einfach zufriedener.

Markus Ritzberger, 27 |Freiwilliger Bergretter

Als junger Bursch waren es die Gefahr, der Nervenkitzel und das Abenteuer, die ihn reizten. Aufgewachsen in St.Wolfgang am Fuße des Schafbergs, den See vorm Fenster, wusste Markus früh, was er im Leben nicht wollte: in einem Büro sitzen und tagein, tagaus dasselbe tun. Raus wollte er, etwas erleben. Und so meldete er sich mit 17 Jahren zur Bergrettung.

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Markus Ritzberger aus Strobl am Wolfgangsee ist Notfall­sanitäter bei der Flugrettung des Roten Kreuzes Salzburg. (Bild: Andreas Jakwerth)

Vier Kurse, vier Prüfungen und viele Mutproben später war er einer von 14 freiwilligen Bergrettern seiner Gemeinde. Meist holen sie Halbschuhtouristen vom Berg. Aber Markus musste auch schon Schwerverletzte bergen und nachts in Lawinen nach Überlebenden graben.

Ich habe gelernt, meine eigenen Bedürfnisse hintanzustellen – und erfahren, wie viel es mir bedeutet, anderen zu helfen.

Und bald erkannte er, worum es bei der Freiwilligenarbeit wirklich geht. „Ich war ein egozentrisches Einzelkind“, erinnert sich Markus. „Erst durch mein Engagement habe ich verstanden, wie viel es mir bedeutet, anderen zu helfen. Stark zu sein, wenn jemand hilflos ist. Der ich als Kind war, der bin ich heute nicht mehr.

Bei der Bergrettung hat er gelernt, „die eigenen Bedürfnisse hintanzustellen, mich selbst nicht mehr als Nabel der Welt zu sehen“. Das bedingungslose Für- und Miteinander, die Erfüllung, Menschenleben zu retten, führte ihn auch zu seinem Beruf als Notfallsanitäter bei der Flugrettung.

Heute ist er zweifacher Vater. Doch wie früher zieht er in seiner Freizeit als Bergretter los, ist sogar stellvertretender Ortsstellenleiter. „Ohne die Erfahrungen als Freiwilliger hätte ich vielleicht einen anderen Weg eingeschlagen. Ich bin dankbar, dass es so gekommen ist.

Kristine Rosner, 40 | Freiwillige Therapiehundesitterin

Als Juristin und Mutter zweier Buben hat Kristine beide Hände voll zu tun. „Ich habe ein erfülltes Leben“, sagt sie, „mir tut nur leid, dass für mich als berufstätige Mutter wenig Zeit bleibt, mich sozial zu engagieren.“ Kristine hat das Bedürfnis, etwas ans Leben zurückzugeben. „Nicht allen geht es so gut wie mir. Etwas von meiner Zeit für andere aufzuwenden ist für mich der richtige Weg, ‚Danke!‘ zu sagen.

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Kristine Rosner aus Wien, hier mit dem jüngeren ihrer zwei Söhne, ist Juristin. (Bild: Andreas Jakwerth)

Die Möglichkeit für einen Kompromiss ergab sich, als Kristines Schwester, die für den Pflege- und Betreuungsdienst Caritas Socialis die ehrenamtliche Arbeit koordiniert, mit einem tierischen Anliegen anklopfte. Es ging um Lucy, 7, einen Therapiehund. Die Labradoodle-Dame ist für alte, beeinträchtigte und kranke Menschen im Einsatz: Spielerisch fördert sie verlorengegangene Fähigkeiten wieder zutage und erleichtert mit ihrer liebevollen Aufmerksamkeit Kranken und Alten so manche schwere Stunde.

Wenn wir den Therapiehund Lucy betreuen, ist die Familie entspannter. Und es tut mir gut, zu wissen, dass ich einen kleinen Beitrag leiste.

Lucy braucht immerfort Gesellschaft, darf nie allein gelassen werden. Doch auch ihre Hundeführerin, die sonst ihr ganzes Leben auf Lucy abstimmt, muss mal zum Arzt oder braucht Zeit für sich. Deshalb holt Kristine nun an manchen Wochenenden Lucy zu sich. „Wir gehen viel raus, machen Ausflüge, damit sie herumtollen kann“, erzählt Kristine. „Die Zeit bei uns tut Lucy gut – und sie uns.“ Weil klar ist, dass die Hündin im Mittelpunkt steht, stecken alle gern zurück. „Es gibt keinen Streit, keine lauten Worte, die Familie ist viel entspannter.

Wenn die Kinder größer sind, will Kristine sich mehr engagieren. „Aber es tut mir gut, zu wissen, dass ich jetzt schon einen kleinen Beitrag leiste.

Gerti Steinkellner & 60, Jörg Iro, 62 | Musizieren für Demenzkranke

Bis zu dem Tag, als er vom Fahrrad stürz­te und mit dem Kopf aufschlug, war Jörg Iro „sehr gerne“ Jurist. „Aber danach konnte ich mich nicht mehr konzentrie­ren, einfache Wörter waren wie ausge­löscht“, erzählt er. Als er in Frühpension ging, war Jörg fünfzig.

In der Caritas Socialis Rennweg, „wo ich mich nützlich machen wollte“, traf er eine Frau mit einer ähnlichen Geschich­te: Gerti Steinkellner war nach einer Krankheit frühzeitig aus ihrem Beruf bei der Post ausgestiegen. Auch sie eine Su­chende.

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Gerti Steinkellner arbeitete vor ihrer Frühpensionierung bei der Post in Wien. Jörg Iro ist pensionierter Jurist aus Wien. (Bild: Andreas Jakwerth)

Können Sie ein Instrument?“ Die Frage stand plötzlich im Raum. Gerti hatte als Kind Akkordeon gelernt, Jörg spielt Gitarre. Sie probten zusammen – und musizieren nun seit dreizehn Jahren als „Gerti und Jörg“ an vier Tagen in der Woche behutsam mit und für Menschen mit Demenz. „Wir spielen, was Freude macht“, erzählt Jörg. „Manchmal fließen auch die Tränen, wenn Erinnerungen aufbrechen.“

Ich bin diejenige, die dankbar ist. Mein Leben hat sich verändert. Auch körperlich geht es mir besser. Das Helfen hilft auch mir.

Was er hier vor allem gelernt habe, sei Gelassenheit. „Ich sehe Menschen, die würdevoll mit ihrem körperlichen Verfall umgehen. Das hat mir viel von meiner eigenen Angst genommen.“ Und: „Ich fühle mich nicht mehr allein mit meinen Einschränkungen. Mein Umgang damit ist heute souveräner, ich bin als Ganzes ruhiger geworden.

Gerti liebt das Gemeinschaftsgefühl, das beim Musizieren entsteht. Dankbar­keit für ihr Engagement erwartet und braucht sie nicht. „Ich bin diejenige, die dankbar ist“, sagt sie, „dafür, dass sich mein Leben verändert hat.“ Auch körperlich gehe es ihr besser als früher. Sie ist sicher: „Das Helfen hilft auch mir.

Beinahe jeder zweite Mensch in Österreich hilft in seiner Freizeit anderen. Und leistet damit einen unermesslichen Beitrag für
die Gesellschaft. Was dabei mit den Helfern selber passiert,
ist sehr wohl messbar: in Lebensqualität und Lebensjahren. LESEN: Wie gesund es ist, freiwillig Gutes zu tun

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