Die Wim-Hof-Methode: Wie ich lernte, die Kälte zu lieben

Baden in Eiswürfeln? Oder in einem klirrend kalten Bach? Sonja Kaltenbrunner war zeitlebens eine Fröstelnatur. Bis sie die Methode des niederländischen „Iceman“ Wim Hof kennenlernte. Protokoll einer gesunden Selbsterfahrung.
von Sonja Kaltenbrunner | 20. August 2019
3660 Iceman Wim Hof Methode Eisbad Sonja Kaltenbrunner Credit Kurt Keinrath Michael Zechany
Bild: carpe diem/Kurt Keinrath & Michael Zechany

Die Geschichte, die ich euch jetzt erzähle, hätte ich selbst nie für möglich gehalten. Bis vor zwei Jahren war ich, ohne Übertreibung, der erfrorenste Mensch, den man sich vorstellen kann. Alles unter 20 Grad fühlte sich für mich wie Eiseskälte an. Mein Frösteln begann im September und ging im Frühjahr nahtlos in ein Keuchen und Augentränen wegen meines Asthmas und diverser Allergien über. Und wenn mich meine drei Kinder im Urlaub in der prallen Mittagshitze am Pool anspritzten, fand ich das überhaupt nicht lustig. 

Ein Bad im Eiswasser? Sicher.

Meine Familie und meine Freunde hatten sich mit meinem Fröstelnaturell arrangiert – alle bis auf einen. Es war ein guter Freund, dessen Morgenritual mir wie der blanke Horror erschien: Er begann seine Tage mit einem Bad in Eiswasser, um seinen Körper einer Art Kälteschocktherapie zu unterziehen. Irgendwann sagte er: „Probier das doch mal, Sonja, fängt wirklich ganz easy an, man steigert sich Schritt für Schritt.“ 

Mein Asthma ist fast weg, ebenso meine Allergien. Seit ich die Wim-Hof-Methode praktiziere, war ich nur einmal krank: einen Tag.

„Sicher! Genau meins“, entgegnete ich sarkastisch. „Stärkt das Immunsystem“, sagte er, „und hilft gegen Allergien, Asthma und schlechte Laune.“ Oha. Er erzählte mir von Wim Hof, dem legendären „Iceman“, der in Badeshorts auf die höchsten Berge der Welt klettern und stundenlang in Eiswasser baden konnte. Und dass dieser kauzige holländische Briefträger eine Methode entwickelt hätte, die hilft, den Körper, aber vor allem die eigene Widerstandskraft zu stärken. 

3660 Wim Hof Eisbach
Bild: carpe diem/Kurt Keinrath & Michael Zechany

Nun, ich hielt es also mit meiner lieben Oma: „Hilft’s nix, so schadt’s nix“. Es war Sommer, der perfekte Zeitpunkt, um anzufangen. Ich startete im Juli mit dem 10-Wochen-Onlineprogramm. Es war gut gemacht, mit detaillierten Erklärvideos und einem Arbeitsbuch auf Englisch, in dem ich meine Ziele und Befindlichkeiten eintragen konnte. 

Es beginnt mit ganz entspanntem, tiefem Atmen. So, dass sich der Bauch nach außen wölbt. So, dass die Luft von allein wieder ausströmt, ohne pressen also. So, dass deine eigenen Gedanken wie ein Film sind, der nebenbei mitläuft. Motto: Beobachten statt beurteilen. Erstaunlich, wie beruhigend und gleichzeitig aktivierend das wirkt, wie man sich mit jedem Atemzug selbst ein bisschen näherkommt. Wie wach man sich fühlt und wie klar. 

Nach ein paar Atemdurchgängen will man sich bewegen. Das kann ein wenig Yoga sein oder auch Gymnastik. Ich habe auch Liegestütze gemacht, wie im Onlinekurs vorgeschlagen. Man spürt, wie der ganze Körper durch das Atmen mit Sauerstoff angereichert ist, und schafft interessanterweise auf Anhieb mehr Liegestütze als sonst. Ohne zu atmen. 

Die Kälte? Nun ja. 30 Sekunden durchgehend kalt zu duschen schaffte ich nach sieben kleinen Schritten der Selbstüberwindung am Ende der Einstiegswoche. Für meine Verhältnisse wie eine Polarexpedition.

In Woche zwei mit der kalten Dusche anzufangen, dazwischen auf warm zu wechseln und wieder mit 30 Sekunden kalt aufzuhören war immer noch ein Thrill – aber etwas hatte den Ehrgeiz in mir geweckt. 

In Woche drei und vier stand ich allmorgendlich schon insgesamt zwei Minuten (unterbrochen von gefühlt 15 Minuten heißer Dusche) unter dem kalten Schwall, und ich schrie dabei von Mal zu Mal leiser.

So eine Ausschüttung an Glückshormonen kannte ich nur von der Geburt meiner Kinder. 

In Woche fünf war ich in der Lage, die Kältestressreaktionen in meinem Körper über bewusste Atmung so zu kontrollieren, dass ich täglich zehn Minuten unter der kalten Dusche aushielt. Mit Wow-Effekt, denn so eine Ausschüttung an Glückshormonen kannte ich bis dahin nur von den Momenten, nachdem ich meine Kinder geboren hatte. 

Die Möglichkeit, nun auf mein autonomes Nervensystem bewusst Einfluss nehmen zu können, faszinierte mich auch beruflich (Sonja arbeitet als Feldenkrais- Pädagogin; Anm. der Red.). Und: Dass es bei dieser Methode nicht um das Abarbeiten von Plänen geht, auch nicht um Überforderung, sondern dass der Körper auf spielerische Art wieder lernt, seine ursprünglichen Reflexe zu aktivieren. Das kann jeder (Körper) – und es macht Spaß, wenn sich die persönlichen Grenzen immer mehr verschieben. 

Ich spürte auf allen Ebenen, wie ich mich kräftiger fühlte. Mir kam auch vor, ich bekam wieder mehr Komplimente – für meine Stimmung, für meine Lebendigkeit. Zur Halbzeit des Kurses fühlte ich mich wie neugeboren. 

Nicht nur mein Immunsystem, auch mein Selbstwertgefühl ist stärker geworden.

Ab Woche sechs wurde in eine Art Expertenmodus geschaltet: Ich sollte unter Kälteeinfluss mit der Atmung experimentieren, die Luft erst 30 Sekunden, dann eine Minute lang anhalten. Das soll die bewusste Aktivierung des Stoffwechsels von braunem Fettgewebe herbeiführen, was so viel heißt wie: gespeicherte Energiereserven werden per Luftanhalten in Wärme umgewandelt. Die Probe aufs Exempel machte ich in einer mit Eiswürfeln gefüllten Badewanne. Herrlich. 

Und heute? Ich beginne den Morgen nun auch im Winter in unserem Schwimmbiotop und verbringe drei Minuten im Wasser. Nicht nur mein Immunsystem ist stärker geworden, auch mein Selbstwertgefühl als Frau. Meine Allergien sind fast weg, mein Asthma ebenso. Und ich war in der Zeit ein einziges Mal krank – einen Tag. 

Unseren Sommerurlaub verbringen wir nicht mehr im Süden. Mich zieht es jetzt eher ins Gebirge, zu Flüssen und Seen mit zehn Grad Wassertemperatur. Das finde ich zwar etwas warm – aber der nächste Winter kommt bestimmt. 

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