Ode an die Sonntagszeitung

Unsere Liebeserklärung an die kleinen Freuden des Lebens. Autorin Barbara Reiter über Druckerschwärze, den versperrten Weg zur Marmelade und Abenteuer im Großformat.
von red
Ode an die Sonntagszeitung
Illustration: Julia Zott

Als ich vor Jahren nach Wien reiste, hatte ich in einem Zugabteil eine Begegnung, die ich nicht vergessen kann. Mir gegenüber saß eine Dame um die sechzig und las Zeitung. Ich sah nur ihr Haar, der Oberkörper war verdeckt, seitlich lugten ihre Handschuhe hervor. Hauchdünne, denn es war ein warmer Sommersonntag in einem nicht minder warmen ICE. Der Anblick – zunächst befremdlich – erklärte sich schlagartig, als sie umblätterte: Die Spitzen der weißen Handschuhe waren von Druckerschwärze verfärbt, die Dame muss Vielleserin gewesen sein. Nie wieder habe ich jemanden so behutsam Zeitung lesen sehen.

Daran denke ich oft, wenn ich ins Kaffeehaus gehe, die Sonntagszeitung vom Haken nehme und nach einer gemütlichen Nische suche. Dann bestelle ich Cappuccino und Croissants, die untrennbar mit meinem Ritual verbunden sind. Wenn sich der Duft von frisch gebrühtem Kaffee mit dem Duft der frisch gedruckten Zeitung verbindet, erwacht in mir ein Lebensgefühl, dem ich mich nur hingeben kann, wenn an Sonntagen Selbstvergessenheit anstelle von Schnelllebigkeit tritt. Dann erkenne ich auch den Wert der Dinge wieder: Jede Zeitung ist ein Unikat menschlicher Kreativität und Kooperation. Daran hat sich seit Erfindung des Buchdrucks nichts geändert.

Wie immer trägt die Sonntagszeitung ihr schönstes Gewand, bildgewaltig, voller Überraschungen und Abenteuer, in die ich eintauche, während ich staune, träume, mich verliere. Seite um Seite offenbart sich mir die Welt, ich streiche über das Papier, das sich so glatt anfühlt, als gäbe es kein Verkehrt. Dazu dieser Zeitungsduft, der nur dem gehört, der sie als Erster liest. Ich schließe die Augen, atme ein und höre, wie auch am Nebentisch jemand raschelt und blättert. Es muss ein Gleichgesinnter sein. Dieser Moment ist wie Ankommen in einer anderen Zeit, wenn der Vater sonntags den Sportteil faltete, damit das übergroße Format nicht den Weg zur Marmelade versperrte.

Viele Jahre später falte nun ich die Zeitung, ganz genau wie er damals. Das schafft Platz für das einzige Tablett bei meinem heiligen Sonntagsritual: das Silbertablett, auf dem der Ober meinen Kaffee serviert. Dann widme ich mich der Ausgabe. Dick und gewichtig liegt sie da, während ich mit dem Finger bedächtig Linien von links nach rechts ziehe, um nicht die Zeile zu verlieren.

Ich nehme einen Schluck, dabei fällt mein Blick auf die Hand: Die Kuppen meiner Finger sind schwarz. Ein Gruß der Dame aus dem Zug. Wird Zeit, dass ich mir Handschuhe zulege.

Barbara Reiter ist Tirolerin, Journalistin und Optimistin.

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