Christina Geyer

Luchstrail, Teil 1: Von der Wildnis lernen

Elf Tage, drei Bundesländer und ein vom Rucksack wundgewetzter Rücken.

„Gratuliere, Christina! Du hast in den letzten zwei Wochen eine Aktivität von 220 Kilometern und 12.000 Höhenmetern absolviert.“

Wildnis 2
Christina Geyer am Luchstrail

Das Lob kommt von meinem Handy, also eigentlich von der App, mit der ich diese Aktivität getrackt habe. Und obwohl es von einer Maschine kommt: Ich freue mich über das Lob. Ich muss aber sagen, dass „Aktivität“ keine besonders akkurate Bezeichnung für das ist, was ich erlebt habe, denn hinter dieser „Aktivität“ verbergen sich elf Tage, drei Bundesländer und ein vom Rucksack wundgewetzter Rücken.

Ein neuer Weitwanderweg

Ich sehe es der Maschine nach. Sie kann nicht wissen, dass sich hinter der „Aktivität“ ein neuer Weitwanderweg verbirgt: der Luchstrail. Ich bin ihn gegangen. Von Reichraming in Oberösterreich bis nach Lunz am See in Niederösterreich. Dabei durchwandert man gleich drei Großschutzgebiete: den Nationalpark Kalkalpen in Oberösterreich, den Nationalpark Gesäuse in der Steiermark und das Wildnisschutzgebiet Dürrenstein in Niederösterreich. Und damit auch: das Habitat der Luchse.

Gleich vorweg: Ich habe keinen Luchs gesehen. Aber jedes Mal, wenn es irgendwo im Gebüsch geraschelt hat, da gab es diesen kurzen Moment der Verheißung. Dicht gefolgt von den Beschwichtigungen der Spaßverderber-Vernunft: „Bitte, Ina – weißt du, wie unwahrscheinlich es wäre, einen Luchs zu sehen – noch dazu am helllichten Tag?“ Tja, Pech gehabt, liebe Vernunft, ich weiß das. Aber: Vom Thrill der Hoffnung werde ich trotzdem nicht lassen. Das erste vermeintliche Luchs-Rascheln entpuppte sich als Reh, das zweite als Gams und das dritte als Eichhörnchen. Enttäuschte Hoffnung würde ich das also ohnehin nicht nennen.

Es geht auch nicht wirklich darum, einen Luchs zu sehen. Allein in seiner Heimat unterwegs zu sein ist ziemlich spektakulär. Erwiesen sind immerhin gerade einmal sechs Luchse in den Kalkalpen, vermutet werden zwei weitere im Wildnisgebiet Dürrenstein und im Gesäuse. „Der Luchs ist ja nur da, weil es für ihn hier lebenswert ist“, erklärt mir der steirische Ranger Christian Leimberger. „Das Grundproblem ist, dass durch den Eingriff des Menschen Lebensräume verschwinden und dadurch Tiere und Pflanzen dort nicht mehr leben können. Der Luchs ist ein Aushängeschild, ein Sinnbild für Wildnis.“

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Wildnis. Was ist das überhaupt?

Jedenfalls Mangelware. Im Naturzustand waren die Alpen noch nahezu gänzlich verwaldet. Heute stellen die drei Großschutzgebiete das größte zusammenhängende Waldgebiet Österreichs dar. Die Buchenwälder der Kalkalpen und des Wildnisgebiets Dürrenstein wurden von der UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt. Wo Wildnis bewahrt werden soll, gilt es sie zu schützen. In Schutzgebieten – ob im Nationalpark oder Wildnisschutzgebiet – drückt sich dieser Kerngedanke aus.

Und dann gibt es da noch Urwaldrestflächen. Damit werden Waldflächen bezeichnet, die bis heute vom Eingriff des Menschen verschont geblieben sind – und seit 10.000 Jahren existieren. Solche Flächen gibt es kaum noch, aber es gibt sie entlang des Luchstrails – und sie sind strengstens geschützt. Man kann verstehen, warum der Luchs als Waldkatze hier ein ziemlich vollkommenes Zuhause gefunden hat.

Wildnis ist das Nicht-immer-Wollen, dass etwas so ausschaut wie ich mir das vorstelle. Ob das jetzt so wächst oder so wächst.

Wer erst einmal ein Gespür für Wildnis entwickelt hat, wird in der Folge anders wahrnehmen. Dann fällt es plötzlich auf, wenn die Vegetation karger wird und unvermittelt nur noch Fichten im Kulturwald stehen, alles irgendwie „aufgeräumter“ wirkt. Wildnis schärft die Sinne. Man nimmt sie wahr. Dabei ist Wildnis nicht immer unbedingt so, wie die damit gängigen Klischees suggerieren. Wildnis ist eben nicht nur dichtes Grün und lianenverhangenes Dickicht. Wildnis ist auch jede Menge Totholz, Verwüstung und Chaos. Sie ist Ausdruck aller Spielarten und Launen der Natur. Pächterin Inge Wurzer von der Ybbstalerhütte im Wildnisgebiet Dürrenstein liefert mir die schönste Beschreibung: „Wildnis ist das Nicht-immer-Wollen, dass etwas so ausschaut, wie ich mir das vorstelle. Ob das jetzt so wächst oder so wächst.“

Was kann man von der Wildnis lernen?

Und was genau kann man jetzt daraus lernen? Immerhin verhält sich Wildnis wie ein Rebell. Sie macht, was sie will – ein bisschen wie Pippi Langstrumpf. Aber genau das ist das Schöne: Die Dinge nehmen von ganz allein ihren Lauf, auch ohne unser Zutun. Was Wildnis uns lehrt, ist, dass wir uns zurücknehmen und dem Drang widerstehen können, überall eingreifen zu müssen und Dinge – vermeintlich – verbessern oder verschönern zu wollen. Man wird staunen, was alles entsteht, wenn wir stoisch die Hände in den Schoß legen und uns einfach einmal heraushalten. Ein Lawinenabgang im Wildnisgebiet Dürrenstein hatte etwa zur Folge, dass sich dort eine sehr seltene Schmetterlingsart angesiedelt hat – angezogen von den Unmengen an Totholz, die der Lawinenabgang zurückgelassen hat.

Kahlschlag und Schmetterling. Wer weiß? Vielleicht lässt sich dieses Prinzip ja auch auf unser Leben anwenden. Wir mögen uns von Wildnis entfernt haben: Statt am Feuer in Höhlen kochen wir mittlerweile an Induktionsherden und tragen Sneakers statt Fellpatschen. Aber wir können unsere Herkunft nicht verleugnen: Wir entspringen der Natur, wir sind Teil von ihr. Und daher finde ich: Wildnis ist uns ein guter Lehrer. Wir vertragen einen Schuss Chaos. Ein bisschen Wildwuchs und Abenteuer. Ein bisschen Niederreißen, Tabula rasa und Neubeginn. Und auch ein bisschen Aushalten und Abwarten. Wer weiß? Vielleicht umflattert uns nach dem nächsten Kahlschlag ja auch etwas Seltenes. Es muss ja kein Schmetterling sein. Aber vielleicht ein großartiger Neuanfang.

Sechs Luchse leben in den letzten Urwaldrestflächen der Kalkalpen – wird Christina Geyer auf dem Luchstrail einen von ihnen begegnen? Hier geht’s zum zweiten Teil „Ein Hoch auf den Flow

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