In Partnerschaft mit
Michael Köhlmeier

Eudaimonia oder: Wie gelingt Glück?

Ein Essay von Michael Köhlmeier über Götter, Verantwortung und Wahrheit – und wie all das den Teppich webt, den wir Glück nennen.
Sonnenaufgang
Photo by Artem Sapegin on Unsplash

Eudaimonia meint den Zustand, wenn sich der Mensch im Einklang mit einem guten Dämon befindet – wir sagen heute lieber, mit einem guten Geist, den Begriff Dämon verwenden wir nur noch negativ, eben für einen Geist, der es nicht gut mit uns meint.

Vielleicht sind manche Wahrheiten dem Menschen nicht zumutbar.

In der Antike war Eudaimonia der höchste im Leben zu erreichende Zustand, das Glück. Dass es über das Glück hinaus nichts Höheres zu wünschen gibt, darüber waren und sind sich wohl alle Menschen zu allen Zeiten einig, und daran wird sich nichts ändern. Auf die Frage, wie dieses Glück aussehen soll, worin es besteht und auf welchen Wegen es erreicht werden kann, gibt es so viele Antworten, wie es Menschen gibt, je gab und je geben wird. Dennoch haben Philosophen, Theologen, Psychologen, Anthropologen immer wieder versucht, den Begriff Glück zu objektivieren. Das heißt, sie haben nach den Bedingungen gefragt, die gegeben sein müssen, damit wir – so oder so – glücklich sind.

Dass es über das Glück hinaus nichts Höheres zu wünschen gibt, darüber waren und sind sich wohl alle Menschen zu allen Zeiten einig.

Gustave MoreauHesiod und Muse (Bild: Wikimedia Commons)

Schon in der Antike veränderte sich die Vorstellung vom Glück und seinen Bedingungen grundlegend. Während Eudaimonia bei Homer gar nicht vorkommt, macht sich sein Zeitgenosse Hesiod bereits Gedanken darüber. Hesiod berichtet in seiner Theogonie vom Aufbau des Götterhimmels; in seinem Lehrgedicht Tage und Werke aber schildert er das tägliche Leben der Menschen, weitgehend frei vom Einfluss der Götter. In den beiden Werken werden Menschenwelt und Götterwelt als voneinander getrennte Sphären dargestellt. Die Götter haben Glück nicht nötig, die Menschen schon.

Die Götter haben Glück nicht nötig, die Menschen schon.

Der blinde Homer mit der Lyra auf dem Rücken wird geführt. Gemälde von William Bouguereau, 1874 (Bild: Wikimedia Commons)

In der Ilias und in der Odyssee erzählt Homer vom Krieg in Troja und von der Heimkehr des
Helden Odysseus. Hier sind die beiden Sphären nicht getrennt, sondern unentrinnbar
miteinander verflochten. Das Schicksal, Ate,
lenkt die Taten der Menschen und der
Götter. Diesen Daimon beurteilt Homer ähnlich wie wir, nämlich negativ: Er
bringt Unglück, Verwirrung, Verheerung. Der Mensch ist glücklich zu preisen,
der nicht in das Blickfeld dieses Daimon gerät – er ist nicht der Eudaimon, der
gute Geist, sondern der Kakodaimon, der böse Geist.

Mit einer Definition von Glück als Nicht-Unglück können wir uns allerdings nicht zufriedengeben.

Heraklit, Ölgemälde von Hendrick ter Brugghen (1628) (Bild: Wikimedia Commons)

Mit einer Definition von Glück als Nicht-Unglück können wir uns allerdings nicht zufriedengeben. Und auch der antike Mensch konnte sich damit nicht zufriedengeben. Zweieinhalb Jahrhunderte nach Homer und Hesiod stellte der Philosoph Heraklit die These auf, der Daimon des Menschen sei sein Ethos. Damit war das Schicksal des Menschen, die Entscheidung über Glück und Unglück, nicht mehr von den Göttern abhängig – sondern vom Menschen selbst. Der Mensch selbst ist verantwortlich für sein Glück oder sein Unglück. Das und nichts anderes meint Heraklit mit Ethos.

Was aber macht glücklich, was unglücklich?

Demokrit, Gemälde von Antoine Coypel (1692), Louvre (Bild: Wikimedia Commons)

Der ebenfalls den Vorsokratikern zugerechnete Philosoph Demokrit warnt, Eudaimonia sei nicht über Besitz und Macht zu erreichen, also nicht durch Bedingungen von außen, sondern liege allein in der Seele jedes einzelnen Menschen. Er allein müsse entscheiden, was gut ist und was nicht. Wenn er sein Leben gut gestalte, dann könne er sich als einen glücklichen Menschen preisen. Das bedeutet in der Entwicklung der Glückserkenntnis gegenüber Homer eine Revolution. Es ist ein großer Schritt hin zur Emanzipation des Menschen.

Römische Kopie eines griechischen Platonporträts (Bild: Wikimedia Commons)

Der nur wenig jüngere Platon dagegen hebt das Glück wieder aus seiner Erdenbedingtheit heraus, indem er die Idee des Guten vorstellt, die im metaphysischen Raum über dem Menschen schwebt, nicht unähnlich den homerischen Göttern, nur abstrakt und unpersönlich, als pure Idee, die der Mensch nicht nach seiner Maßgabe formt, sondern der er zu folgen hat.

Immanuel Kant: Gemälde von Gottlieb Doebler (Bild: Wikimedia Commons)

Im 18. Jahrhundert riet Immanuel Kant dazu, jederzeit und in jeder nur denkbaren Situation die Pflicht zu erfüllen, die er aus seinem kategorischen Imperativ ableitete, wonach jeder Mensch stets so handeln solle, dass daraus ein allgemein gültiges Gesetz abgeleitet werden könne. Nur solche Pflichterfüllung garantiere ein glückliches Leben, denn es wurzle in der Vernunft.

Eine der höchsten Pflichten sei, die Wahrheit zu sagen.

Eine der
höchsten Pflichten sei, die Wahrheit zu sagen. In dem kleinen Aufsatz Über ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen treibt
Kant seine Forderung nach Wahrheit auf die Spitze. Angenommen, der Mörder
klopft an deine Tür und fragt, ob dein Freund hier sei, dann darfst du, auch
wenn du weißt, dass es deinen Freund das Leben kosten könnte, nicht lügen. Denn
was immer auch geschehen wird, du hast deine Pflicht getan und kannst nicht zur
Rechenschaft gezogen werden. Angenommen, du lügst und sagst, nein, der Freund sei
nicht bei dir, und weiter angenommen, der Freund hat inzwischen dein Haus
heimlich verlassen, und weiter angenommen, der Mörder trifft ihn auf der Straße
und tötet ihn, dann bist du schuld, insofern der Tod deines Freunde auch eine
Folge deiner Lüge, also deiner Pflichtvergessenheit, ist.

Wieder wird
Eudaimonia aus dem Herzen des einzelnen Menschen genommen und in eine, wenn schon
nicht göttliche, so doch gottähnliche Sphäre gehoben – hier nicht in die Sphäre
der reinen Ideen wie bei Plato, sondern in die Sphäre der reinen Vernunft.

Epikur-Büste im Louvre (Bild: Wikimedia Commons)

Wohl am nächsten von allen Philosophen steht uns Epikur. Er ist 340 vor Christus geboren. Seine Gedanken zum guten Leben sind schlicht und immer neu: Lust suchen, Unlust vermeiden – darauf lässt sich sein Rat reduzieren.

Er meint, man spüre dies, wie man fühle, dass das Feuer wärmt, der Schnee kalt und der Honig süß ist“, kommentiert Cicero.

Epikur wird
bis heute gelobt und gerügt als Philosoph des Hedonismus. Er predige
Zügellosigkeit, und Willkür wurde ihm vorgeworden. Zu Unrecht. Wer glaubt, aus
seiner Philosophie eine Aufforderung zu einer lebenslangen Party ableiten zu
können, irrt. In der maßlosen Begierde sah er eine Quelle des Unglücks, nicht
weniger gefährlich als Angst und Schrecken. Nicht zu Immer-mehr riet er,
sondern zu Maßhalten und Bescheidung.

Der größte Feind eines lustvollen Lebens ist der Tod. Er kann nicht besiegt werden. Sich darüber den Kopf zu zerbrechen ist unsinnig.

Der größte Feind eines lustvollen Lebens ist der Tod. Er kann nicht besiegt werden. Sich darüber den Kopf zu zerbrechen ist unsinnig. Einem Freund schreibt Epikur: „Gewöhne dich daran, zu glauben, dass der Tod keine Bedeutung für uns hat. Denn alles, was gut, und alles, was schlecht ist, ist Sache der Wahrnehmung. Der Verlust der Wahrnehmung aber ist der Tod. Das schauerlichste aller Übel, der Tod, hat also keine Bedeutung für uns; denn solange wir da sind, ist der Tod nicht da, wenn aber der Tod da ist, dann sind wir nicht da.

Was wir nicht ändern können, darüber sollen wir uns keine Gedanken machen; solche Gedanken bringen nur Unglück.

Was wir
nicht ändern können, darüber sollen wir uns keine Gedanken machen; solche
Gedanken bringen nur Unglück. Und Unglück ist unter allen Umständen zu
vermeiden. Und wenn ich lügen muss, um Unglück zu vermeiden, dann soll ich
lügen. Wir sagen: Epikur spricht sich für Verdrängung aus. – Und wenn? Wenn Eudaimonia
nicht anders zu haben ist? Vielleicht sind manche Wahrheiten dem Menschen nicht
zumutbar.

Holger Potye hat mit Michael Köhlmeier im carpe diem-Postcast über das Glück gesprochen – im Großen und im Kleinen. Für den Philosophen steht fest: „Die beste Möglichkeit, unglücklich zu sein, ist, sich eine ganz große Vorstellung vom Glück zu machen.“

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