Harald Havas

Das Treppen-Dilemma

Aufzug oder Stiegenhaus? Gesundheitsbewusste Menschen wissen längst, wie sie diese Frage beantworten. Oder etwa nicht?

Da stehe ich also. Vor der ersten Stufe der Treppe. Grau blickt sie mich an, steinern, unbarmherzig. Nur einen oder zwei Schritte entfernt – die Aufzugtür. Verlockend glänzt der Liftknopf, direkt in Griffweite. OTIS ruft, KONE lockt.

Ich zögere. Dabei war ich doch gerade noch so entschlossen. Und Stiegensteigen hat ja sooo viele Vorteile. Jede Stufe verbrennt Kalorien, immerhin 8,5 pro Minute. Stiegensteigen stärkt die Muskulatur. Stiegensteigen bringt den Kreislauf in Fahrt. Und dann noch die Umwelt! All die Energie, die das Benutzen des Aufzugs verbraucht, um nicht nur mein Gewicht, sondern das des gesamten Liftkorps nach oben zu hieven. Der Verbrauch an Verschleißteilen, Schmieröl…

Ich weiß zwar nicht genau, wie groß mein ökologische Fußabdruck einer Aufzugsfahrt ist, aber wenn ich fleißig zu Fuß gehe, geht sich ein Urlaubsflug in die Dominikanische Republik locker aus.

Oder zumindest nach Griechenland.

Trotzdem. Ich will nicht. Der Hund schaut mich erwartungsvoll an. Nicht der innere Schweinehund. Der echte neben mir. Der würde auch lieber mit dem Lift fahren. Das weiß ich, das bilde ich mir nicht nur ein. Aber das gilt nicht. Ihm schadet das genauso wenig wie mir. Zumindest der Weg hinauf. Treppen Hinuntersteigen ist gar nicht so gesund für den Körper und birgt auch ein ziemlich hohes Unfallrisiko. Das ist aber leider auch keine Ausrede. Denn Hinaufgehen hat blöderweise nur Vorteile.

Von Aufzügen und Altmietern

Es gibt ja die Anekdote, dass Immobilienhaie, wenn sie betagte Altmieter in den höheren Stockwerken aus dem Haus bekommen wollen, um es abzureißen oder teurer zu vermieten, gerne einen Lift einbauen. Und nur ein paar Jahre später sind die Altmieter tot. Ihrer einzigen regelmäßigen körperlichen Ertüchtigung beraubt.

Ich checke meine geistige „Leider muss ich heute den Lift nehmen“-Liste:

  • Hab ich eine schwere Einkaufstasche dabei? Nein.
  • Bin ich körperlich krank oder angeschlagen. Hust, Hust. Nein, das leichte Halskratzen geht nicht als krank sein durch.
  • Muss ich einen Roller oder ein anderes unhandliches Gerät transportieren? Leider nein.

Mist. Uncheck das alles. Dann muss ich wohl. In dem frohen Bewusstsein, mir etwas Gutes zu tun!

Intervalltraining à la Havas

Aber ich mach’s mir etwas leichter. Mit meinem selbst ausgedachten „Intervalltraining“. Die erste Treppe jeweils eine Stufe nehmen. Für den zweiten Stock große Schritte – zwei Stufen auf einmal. Beim nächsten Stock wieder eine und so weiter. Es ist psychologisch tatsächlich leichter. Man zählt eins, dann eins, dann zwei, dann zwei… Und hat nicht das Gefühl vier Stöcke hinaufzusteigen, sondern nur die Hälfte. Durch die im Hirn erzeugte mathematische Verwirrung. Großes Indianerehrenwort, probieren Sie’s aus. Ich bin sogar schon öfters irrtümlich einen Stock zu weit gegangen. Kann auch nicht schaden. Und zwei Stufen auf einmal zu nehmen verbrennt sogar noch mehr Kalorien. Nämlich 9,2 pro Minute. Wenn das nicht motivierend ist.

Na gut. Auf geht’s: Jede lange Reise beginnt bekanntlich mit dem ersten Schritt…

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