Was Reiten wirklich ist (und was nicht)

Nur was für Mädchen, elitär und kostenintensiv? Eine passionierte Reiterin über die Faszination Pferd.
Reiterin auf einem Pferd in der Natur
Bild: Getty Images

Egal, ob die Queen oder der russische Präsident, wichtige Menschen zeigen sich gerne hoch zu Ross und vermitteln so schnell das Bild, dass Reiten nur etwas für betuchte und einflussreiche Menschen ist. Doch ganz so gehoben und nobel, wie es von außen scheint, geht es in den meisten Reitställen keinesfalls zu. Denn Pferde sind Tiere und benehmen sich auch folglich so. Und nicht umsonst sind die beliebtesten Farben für Reitbekleidung beige, schlammbraun, grau oder taupe. Wer es noch nicht weiß: Pferde schlafen im Stroh, wälzen sich im Sand und verlieren Haare. Und all das verteilen sie dann mehr oder minder gleichmäßig auf ihrem Reiter. Außerdem erleichtern sie sich da wo sie gerade gehen oder stehen und das darf man mit Schaufel und Besen entfernen. Von glamourös ist da keine Spur mehr …

Reiterin Iris Machtinger über den Mythos Pferd und Mensch

Ein echter Pferdenarr ist Anwältin Iris Machtinger, die eine „klassische“ Reitkarriere hinter sich hat. „Ich habe im Alter von neun Jahren begonnen. Meine Mutter war mäßig begeistert, weil sie den Sport natürlich für gefährlich hielt. Sie hat mich aber gefördert, obwohl ihr jedes Mal das Herz stehen blieb, wenn ich heruntergefallen bin. Zu Ihrer Freude habe ich mich fürs Dressurreiten entschieden, nicht für Springen oder gar Vielseitigkeit mit gefährlichen Geländestrecken“, erzählt sie.

Ich habe im Alter von neun Jahren begonnen. Meine Mutter war mäßig begeistert, weil sie den Sport natürlich für gefährlich hielt.

Iris Machtinger, Reiterin

Die ehemalige burgenländische Vizelandesmeisterin und Dritte bei den Burgenländischen Landesmeisterschaften musste dann aus einem traurigen Anlass pausieren: „Nachdem mein erstes Pferd krankheitsbedingt eingeschläfert wurde, ist meine Reiterei quasi ‚an gebrochenem Herzen‘ gestorben und ich habe für einige Jahre keinen Stall mehr betreten. Bis mich eines Tages eine Freundin überredete und mitgenommen hat – es dauerte genau zwei Wochen, bis ich wieder regelmäßig im Sattel saß. Mein aktuelles Pferd, der nach den Papieren Graf Gerold heißt, aber liebevoll ‚Zwergi‘ genannt wird, habe ich jetzt seit zehn Jahren. Für mich ist er, nach langen, anstrengenden Tagen in der Kanzlei, das absolut beste Mittel um runterzukommen.“

Für mich ist der Reitsport und der Kontakt mit dem Pferd das beste Mittel, um nach einem langen, anstrengenden Tag in der Arbeit richtig runter zu kommen.

Iris Machtinger, Reiterin
Hobby-Reiterin Iris Machtinger
Bild: Iris Machtinger

4 hartnäckige Vorurteile rund ums Reiten lernen

„Da sitzt man ja nur oben“

Reiten ist kein Sport – das ist ein ebenso weit verbreitet, wie auch ein großer Irrtum. In Wahrheit ist Reiten ein tolles Ganzkörpertraining, weil man zum Ausgleich der Bewegung des Pferdes und zur Beibehaltung des korrekten Sitzes im Sattel wirklich alle Muskelgruppen benötigt. Zudem werden Gleichgewichtssinn und Koordination geschult, weil die „Hilfegebung“ (das Steuern des Pferdes) ein durchaus komplexes Zusammenspiel aus Lage und Druck der Unterschenkel, feinen Bewegungen der Finger am Zügel und Verlagerung des Reitergewichts im Sattel ist.

„Reiten ist gefährlich“
Pferd auf einer Wiese
Bild: Stefan du Plessis/ Unsplash

Pferde sind groß, stark, schwer und ihrem Wesen nach Fluchttiere. Als Reiter sollte man sich daher auch mit der
Körpersprache und dem Verhalten von Pferden auseinander-setzen, das vermindert das Risiko von schmerzhaften Missverständnissen zwischen Pferd und Reiter massiv. Natürlich fällt jeder Reiter trotzdem ab und an vom Pferd. Iris dazu: „Einer meiner Trainer sagte gerne ‚Wer nicht mindestens einmal pro Jahr runterfällt, ist nicht genug oben gesessen!‘ Im Ranking der Sportverletzungen steht Reiten trotzdem sehr weit hinter allen Ballsportarten, Skifahren, Radfahren und sogar Joggen.“

„Reiten als Hobby kann ich mir nie leisten“
Hobby Reiten Pferd Wasserkübel
Bild: Ken Lawson/ Unsplash

Reitstunden an sich sind tatsächlich nicht teurer als Tennis- oder Golfstunden. Die Erstausstattung – bestehend aus Reithose, Stiefeln und (wichtig!) gut sitzendem Helm – ist ab ca. 150 Euro zu haben und damit billiger als eine durchschnittliche Skiausrüstung, die man üblicherweise nur wenige Wochen im Jahr verwendet. Weitaus kostspieliger ist natürlich die Anschaffung und Erhaltung eines eigenen Pferdes. Neben dem
Kaufpreis des Pferdes, muss man die monatlichen Kosten für die Unterbringung und Verpflegung, die Kosten für den regelmäßigen Besuch des Hufschmiedes, des Tierarztes (auch Pferde sollten regelmäßig geimpft und entwurmt werden) und dergleichen mehr, kalkulieren. Das kann schnell mit ein paar hundert Euro pro Monat zu Buche schlagen und sollte wohlüberlegt sein.

„Reiten ist ein Frauensport“
Reiterin mit Pferd
Bild: Kirsten Lachance/ Unsplash

Tatsächlich wird die österreichische Rangliste, sowohl im Dressursport, wie im Springsport, gerade von Männern angeführt. Und um hier gleich mit einem weiteren Vorurteil aufzuräumen: Diese Männer sind zum überwiegenden Teil glücklich verheiratet …, ob mit Frauen oder Männern darf hier getrost dahingestellt bleiben, denn im Reitsport darf jeder lieben, wen er will. Hauptsache, er liebt auch seine
Vierbeiner!

Also: Was ist dran am Reiten?

  1. Eine Möglichkeit „runterzukommen“: Das Pferd merkt, wenn man gereizt, gestresst oder unkonzentriert ist und verhält sich entsprechend nicht kooperativ. Man muss den ganzen Ballast des Tages zur Seite schieben und den Fokus auf die Arbeit mit dem Pferd legen. Man „muss“ quasi abschalten …
  2. Eine tierische Motivation: Dazu kommt, dass man sich ums Pferd kümmern und es regelmäßig bewegen sollte, was zur Folge hat, dass man sich eben auch bewegen muss.
  3. Ein super Training: Reiten ermöglicht es, eine gute Muskelspannung zu etablieren und zu behalten. Die Muskeln werden dabei eher gedehnt, sodass sie nicht voluminös, sondern einfach bloß straff und schön aussehen.
  4. Eine gute Balanceübung: Je mehr Fortschritte man beim Reiten macht, desto wichtiger wird die Koordination. Körperbeherrschung und präzise Bewegungen sind dabei besonders wichtig.
  5. Purer Natur-Genuss: Zu jeder Jahreszeit und am meisten im Sommer.

Keine Lust auf Reiten? Hier liest du: Was E-Bike-Fahren ist (und was nicht). Und Tennis macht auch viel Spaß!

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