Thomas Stipsits

Überleben unter Richtigmachern, Teil 2

Wie man ein unkorrektes Leben führt – und dabei trotzdem ein paar Sachen goldrichtig macht.

Als ich etwa acht war, bekam ein Freund von mir einen Pager. Das war ein damals hochmodernes Ding, das man an den Gürtel hängen und telefonisch aktivieren konnte – wenn jemand eine bestimmte Nummer an­rief, piepste es. Das bedeutete: Melde dich.

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Bild: Getty Images

Wir standen andächtig um den Freund herum und warteten auf das Piepsen. Über Stunden wagten wir kein lautes Spiel, um nur ja nicht zu verpassen, wenn „es“ passierte. Doch offenbar hatten die Eltern keine Sorge um ihren Junior: Der Pager hing stumm am Gürtel des Freundes.

Wir nahmen die Sache irgendwann selbst in die Hand, zogen zur nächsten Telefon­zelle, kramten in unseren Taschen nach Schillingen und riefen den Pager an. Als es piepste, sprangen wir schreiend herum, so sehr freuten wir uns, dass es funktionierte.

„Nach dem Triumph an der Telefonzelle gingen wir Fußball spielen und hatten den Pager nach kurzer Zeit vergessen.“

Heute hat keiner mehr einen Pager. Heu­te hat man WhatsApp. Und piepsen tut es ständig. Das Smartphone hat uns im Würge­griff, und ich bin nicht in der Lage, das zu verurteilen. Schließlich mache ich mit, kein Regime hat mich zu dieser Lebens­weise gezwungen – jener der ständigen Erreichbarkeit und den damit verbundenen Erwartungen der anderen. Ich nenne es das „Zwei­-Hakerl-­Syndrom“. Sie wissen schon: die Hakerl unter einer WhatsApp­-Nach­richt, die anzeigen, dass Ihre Nachricht ab­geschickt wurde (erstes graues Hakerl), an­gekommen ist (zweites graues Hakerl) und gelesen wurde (zwei blaue Hakerl).

Neulich erst. Pieps: „Bitte dringender Rückruf!!!!!!“ Ich zähle die Rufzeichen. Mein innerer Schweinehund gähnt: „Låss eahm ånglahnt.“ Ich folge ihm, weil wo er recht hat … Nach ein paar Minuten die nächste Nachricht: „??????“ Also rufe ich in Gottes Namen zurück: „Was ist denn los?“ – „Nix, ich wollte nur sagen, dass ich fünf Minuten später komm.

Das Zwei­-Hakerl-­Syndrom äußert sich darin, dass Menschen glauben, man habe sofort zur Verfügung zu stehen. „Warum antwortest du nicht?“, schrieb neulich einer und setzte listig nach: „Ich hab gesehen, dass du die Nachricht gelesen hast!!!

Mein innerer Schweinehund fletschte lässig die Zähne. „Schreib zurück – ich dik­tiere: ‚Weißt du, warum ich nicht gleich ant­worte? Weil du mir a) wuascht bist, b) mir deine Nachricht am Heckflügel vorbeigeht und c) du ein Kontakt bist, der mir weder beruflich noch privat was bringt‘.“

„Das kann ich nicht machen“, entgegnete ich. „Doch“, knurrte der Schweinehund, „weil dann bist ihn für immer los.“ Ich seufzte und tippte folgsam ins Handy: „Sorry, war gerade in einem Termin.

Eine weitere beliebte Ausrede von mir ist: „Sorry, hatte versehentlich auf lautlos.“ Und wenn mich jemand besonders ärgert: „Sorry, mein Sohn ist krank!!!!!“ Ein schlechtes Gewissen hat man trotzdem. Immer. Und was, wenn einmal was wirklich Wichtiges ist und man hatte tatsächlich auf lautlos?

Also wagen wir den ganzen Tag kein lautes Spiel – um das Bild vom Anfang dieser Kolumne zu bemühen, um nur ja nix zu verpassen.

Manchmal wünsche ich mir die Gleichmut meiner Kindertage zurück. Die Sache mit dem Pager ging damals unspektakulär zu Ende: Nach dem Triumph an der Telefonzelle gingen wir Fußball spielen und legten den Pager achtlos zur Seite. Ein paar Wochen später sah mein Freund das Ding irgendwo herumliegen, die Batterien waren längst leer. Er hatte den Pager völlig vergessen. Seine Eltern offensichtlich auch, denn sie fragten nie, warum er sich denn nicht sofort gemeldet hatte.

THOMAS STIPSITS ist Kabarettist, Schauspieler und stolzer Besitzer eines inneren Haustiers. Hier kannst du Teil I seiner Kolumne „Mein Schweinehund und ich“ nachlesen.

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