Kältekammer: Frieren für die Gesundheit im Selbstversuch

Ein Selbstversuch: Wir haben unseren Autor Robert Maruna in die Kältekammer geschickt.
Rote Wollmütze
Bild: Philipp Schönauer

Kälte ist gut für unsere Gesundheit und wirkt belebend auf den gesamten Körper. Doch wie fühlt es sich an, wenn man in einer Kältekammer das Tanzbein schwingt? Wenn es draußen kalt und grau ist, hat man zwei Möglichkeiten: Entweder man vergräbt sich unter einer Schicht aus Wolldecken und verlässt nur im äußersten Notfall das Haus oder man packt flugs die Koffer und verzieht sich in den sonnigen Süden. So oder so entflieht man der Kälte. Was man aber keinesfalls macht: freiwillig frieren. Normalerweise.

„Nicht freiwillig frieren“, das ist auch mein letzter Gedanke, ehe ich den Schritt aus dem wohltemperierten Warteraum in die frostige Kammer des Schreckens tue. Es ist eine sogenannte Kryokammer, oder auch Kältekammer genannt – ein leerer, knapp drei Quadratmeter großer Raum mit einer Lufttemperatur von minus 60 Grad. Die wuchtige Tür fällt hinter mir ins Schloss. Ich versuche, locker zu bleiben, und: friere. Großartig, wieder einmal alles richtig gemacht.

Kälter als kalt geht anscheinend nicht.

Wie sehr friert man bei minus 60 Grad? Irgendwie auch nicht mehr als an einem kalten Wintertag mit zu wenig an – kälter als kalt geht anscheinend nicht. Apropos zu wenig an: Ich trage eine blaue Badehose, graue Handschuhe, weiße Tennissocken und schwarze Sneakers an den Füßen, dazu eine rote Wollmütze auf dem Kopf. Dieses Outfit schützt die Extremitäten, die verlieren nämlich zuerst an Wärme. Ich sehe aus wie ein Hybrid aus einem Freischwimmer und einem Verrückten, der sich in eine gigantische Tiefkühltruhe verlaufen hat.

Viel Zeit, darüber nachzudenken, bleibt mir zum Glück nicht. Meine 30 Sekunden Vorbereitungszeit auf die Kälteapokalypse sind um. „Bitte wechseln Sie in den nächsten Raum“, sagt die freundliche Stimme aus dem Lautsprecher. Na dann, nichts wie raus hier! Ab ins nächste Level: eine Kältekammer mit minus 110 Grad wartet auf mich. Ich öffne die Tür zu meiner Linken. „You can dance, you can jive …“, entweder die eisige Temperatur ist mir bereits zu Kopf gestiegen oder ich vernehme gerade wirklich die ersten Zeilen von ABBAs Welthit „Dancing Queen“.

Meine 30 Sekunden Vorbereitungszeit auf die Kälteapokalypse sind um.

Ich muss an dieser Stelle eines gestehen: Ich bin eine Frostbeule. Auch wenn ich mein halbes Leben in den Bergen verbracht habe und über viele Jahre dem Schnee hinterhergereist bin, eigentlich bin ich nicht für die Kälte gemacht. Und das meine ich nicht bloß metaphorisch. Mein Körperfett-Anteil ist unter dem Durchschnitt, mein Körpergewicht im Verhältnis zu meiner Körpergröße lächerlich. Ich würde sagen, ich bin drahtig, oder, wie man in Österreich so schön sagt, „auszaht“. Kurzum: Ich biete der Kälte die perfekte Angriffsfläche, um binnen kürzester Zeit in Schockstarre zu verfallen und wie ein menschlicher Eiszapfen an Ort und Stelle zu verharren. Aber zurück zu ABBA.

Mann mit nacktem Oberkörper, Wollmütze und Handschuhen. Outfit für die Kältekammer
Bild: Philipp Schönauer

„Friday night and the lights are low …“, schallt es durch den eiskalten Raum. Der Temperaturunterschied lähmt mich. Aber nicht so sehr, wie ich es erwartet hätte. Hätte ich ihn überhaupt in dieser Dimension wahr- genommen, ohne zu wissen, wie groß er ist? Kälter als kalt? Eben. Gut, ich verstehe den Song als Aufforderung und tanze. Bewegung hält bekanntlich warm, und ich habe die nächsten zweieinhalb Minuten sowieso nichts vor außer zu überleben.

Bewegung hält bekanntlich warm, und ich habe die nächsten zweieinhalb Minuten sowieso nichts vor außer zu überleben.

Ich mache also ein paar lässige Schritte nach links und rechts, dreh mich einmal im Kreis und versuche, dabei nirgends anzustoßen. „Nicht die Wände berühren“, hat mir die Ärztin im Vorgespräch gesagt, und: „ruhig atmen“. Also ruhig im Sinne von: durch die Nase ein- und stoßartig über den Mund wieder ausatmen. Damit nicht zu viel kalte Luft in die Lungen kommt. Und man soll eben in Bewegung bleiben. Das nehme ich wörtlich und versuche mich im Moonwalken. Ich war noch nie ein großer Tänzer, aber hier drinnen ist es mir egal. Hier tanze und friere ich für mich allein. „Zwei Minuten!“, übertönt die Stimme den Refrain.

Mann mit Wollmütze und Handschuhen
Bild: Philipp Schönauer

Ich glaube, meine Beobachter außerhalb der Kammer, die Ärztin und eine Assistentin, finden zunehmend Gefallen an meiner „Kryografie“. Sie lächeln mir durch die kleine Glasscheibe zu und deuten mit beiden Daumen nach oben. Ich schwinge weiterhin unbeholfen die Hüften und drehe meine Runden. In der rechten Ecke der Kältekammer befinden sich mehrere Düsen, aus denen die kalte Luft kommt. Zu ihnen halte ich einen Respektabstand ein, mir ist trotz Twist und Boogie bereits kalt genug.

Es ist eine staubtrockene Kälte, die mich zwar völlig vereinnahmt, die aber nicht durch Mark und Bein kriecht.

Wobei sich die Kälte hier in der Kammer anders anfühlt als draußen in der Natur. Es ist eine staubtrockene Kälte, die mich zwar völlig vereinnahmt, die aber nicht durch Mark und Bein kriecht. Meine Haut ist noch bleicher als sonst, meine Körperbehaarung hat sich aufgestellt, ich beginne zu schlottern. Zuerst an den Beinen, dann an den Schultern. Das ist schlecht für meine Dance Moves, aber zumindest weiß ich so, dass ich noch nicht ganz eingefroren bin. „Drei Minuten, bitte kommen Sie heraus“, sagt die Stimme im Lautsprecher. Schade eigentlich, ich hatte mich gerade warm getanzt.

Welche Wirkung hat die Kältekammer auf unseren Körper?

Wir halten einiges aus, wenn es um Kälte geht – wie man beim Besuch
in der Kältekammer sieht. Hier wird Kälte wohldosiert gegen Schmerzen eingesetzt und verschafft Linderung bei Abnützungen, weil sie abschwellend und entzündungshemmend wirkt.

Auch bei chronischen Entzündungen des Gelenkapparates und der Wir- belsäule sowie bei rheumatischen Erkrankungen kann die Ganz- körperkältetherapie – auch Kryotherapie genannt – helfen. Menschen mit Hauterkrankungen wie Schuppenflechte oder Neurodermitis berichten von einer Minderung des Juckreizes nach einer Kältebehandlung.

Auch im Leistungssport findet die Kältekammer verbreitet Anwendung: Sowohl im Bereich der Regeneration (Vorbeugung von Muskelkater) als auch im Aufbautraining (Erhöhung der sportlichen Leistung) können sich positive Effekte einstellen.

Ohne medizinischen Check darf niemand in die Kältekammer, aber hat man den einmal bestanden, kann man dieses Abenteuer bis zu zweimal täglich wagen. Und ganz ausgeschlossen bleiben auch die nicht, die für die große Kälte aus medizinischen Gründen nicht geeignet sind. Mit einer sogenannten Eispistole können Schmerzregionen mit „nur“ –32 Grad auch punktuell behandelt werden.

Medizinische Beratung: DR. MARIA HOLZMANN, ärztliche Leiterin im Gesundheitsresort Lebensquell Bad Zell

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