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Ölziehen und seine Wirkung auf unsere Gesundheit. Plus: How-to-Anleitung

Warum Ölziehen die Zähne nicht weißer macht, aber besser als Mundspülung ist und wie ein ukrainischer Arzt dafür gesorgt hat, dass diese uralte ayurvedische Praxis hierzulande „viral“ ging.
Ölziehen: Becher mit mit Zahnbürste, Kokosnuss
Bild: Getty Images

Ölziehen soll Karies bekämpfen, Mundgeruch verhindern, unsere Zähne weißer machen, Kopfschmerzen heilen, Nasennebenhöhlen befreien, Mandelentzündungen lindern, unseren Hormonhaushalt regeln, unsere Haut ebenmäßiger machen und ganz allgemein unser Immunsystem stärken. Diese traditionelle ayurvedische Praxis scheint die Antwort auf unzählige Fragen rund um unsere Gesundheit zu sein. Trotz mangelnder, wissenschaftlicher Belege, dass Ölziehen eine tatsächliche Wirkung hat, erfuhr die ayurvedische Methode mit dem Aufkommen des „Health-Booms“ dank Social Media, ein Revival.

Googelt man den Begriff, so spuckt die Suchmaschine rund 146.000 mehr oder minder fundierte Artikel, Videos und Anleitungen aus, die Licht ins Dunkel aller Mythen, die rund um das Thema Ölziehen bestehen, bringen sollten. Die meisten dieser Berichte entspringen persönlicher Erfahrungen – tatsächliche Studien und fundierte Forschungsberichte über das Ölziehen und seine Wirkung, findet man jedoch wenige. Doch wie können wir uns dann die Flut an vorher-nachher Videos von weißeren Zähnen und die unzähligen Beiträge über geheilte Zahnfleischentzündungen erklären? Dazu bedarf es eines genaueren Einblicks in die Geschichte der Praxis.

Was ist Ölziehen?

In unserer Mundhöhle leben durchschnittlich 350 Bakterien- und Pilzarten, die dafür sorgen, dass Essensreste zersetzt und unsere Mundflora im Gleichgewicht gehalten wird. So weit, so gut. Neben diesen aeroben Bakterien, die ein gesunder Organismus eben braucht um zu funktionieren, gibt es eine Vielzahl anaerober Mikroorganismen – also unerwünschte Bewohner in unserer Mundhöhle, die keine Miete bezahlen und darüber hinaus irreparable Schäden in unserem Körper anrichten können. Ölziehen sollte genau das verhindern und ist so simpel, wie es klingt: Man zieht einige Minuten etwas Öl zwischen den Zähnen durch, spült den Mund aus und putzt sich anschließend die Zähne. Hierzulande bekannt gemacht hat die Praxis der ukrainische Arzt Fedor Karach. Nachdem er sowohl seine chronische Blutkrankheit, als auch sein Arthritis-Leiden mit Ölziehen geheilt haben soll, stellte er seinen Erfolg 1992 auf einem Kongress für Onkologen und Bakteriologen vor. Trotz der Kontroversen, die seine Theorien aufwarfen, wurden die Ergebnisse seiner Studie in einem deutschen Magazin publiziert und seitdem vielfach verbreitet. Heute wird Ölziehen vor allem in der Naturheilkunde als ein Mittel gegen Zahnfleischschwund, Entzündungen im Mundraum, gegen Mundgeruch und viele anderen Beschwerden empfohlen. 

Woher kommt diese Methode?

Dass sich besonders im Mund viele „schlechte“ Bakterien befinden, die nicht nur unangenehmen Atem verursachen, sondern durchaus auch ernstere Beschwerden auslösen können, wusste man im alten Indien schon ungefähr 500 v. Chr. Deshalb entwickelte man im Sinne einer morgendlichen Reinigung und Entgiftung eine Methode – im Sanskrit auch „Kavala“ oder auch „Gandusha“ – als Teil einer gesunden Morgenroutine, der sogenannten „Dinacharya“.  

Die Betonung liegt hier vor allem auf „Teil“, da Dinacharya einen mehrstufigen Prozess einer morgendlichen Reinigung beschreibt, der idealerweise folgendermaßen aussieht: 

Als ersten Akt nach dem Aufstehen, wird empfohlen ein oder mehrere Gläser warmes Wasser zu trinken, um den Stoffwechsel in Fahrt zu bringen. Danach folgt die Mundhygiene. Dafür wird zuallererst die Zunge mit einem Zungenschaber, oder auch Metalllöffel mehrmals abgeschabt, um den Belag, der sich über Nacht auf der Zunge gebildet hat, zu entfernen. Daraufhin wird ein Esslöffel eines beliebigen Öls einige Minuten im Mund behalten (gandusha) und oder auch hin und her bewegt und zwischen den Zähnen durchgezogen (kavala). Währenddessen wird der gesamte Körper eingeölt, eine Nasendusche durchgeführt und anschließend warm geduscht. Nach dem Ölziehen putzt man sich die Zähne und den Abschluss bildet eine kurze Yoga-Session und Meditation. Gedacht ist Ölziehen ursprünglich also nicht als alleinstehendes, gezieltes Mittel gegen dentale Beschwerden, sondern als ein achtsames Ritual zur Ausleitung all dessen, was sich über Nacht Unerwünschtes in unserem Körper eingenistet hat. 

Wie wirkt diese Anwendung?

Über den Effekt von Ölziehen gibt es unzählige Theorien – kaum welche sind jedoch wissenschaftlicher Natur. Ob Ölziehen die Zähne weißer macht, oder Alzheimer heilt, sei dahingestellt. Etliche Erfahrungsberichte von Menschen, die durch Ölziehen weniger Zahnfleischprobleme verzeichnen, Mundgeruch losgeworden sind und sogar Nebenhöhlenentzündungen geheilt haben, könnten aber darauf schließen lassen, dass eben jene Personen zu einem bestimmten Zeitpunkt ein generell ausgeprägtes Gesundheitsbewusstsein entwickelt haben und Ölziehen oft ein Teil eines gesünderen Lebensstils, zu dem möglicherweise eine Ernährungsumstellung, der bewusstere Umgang mit dem eigenen Körper und gesunde Schlafhygiene zählen. 

Eine positive Wirkung ist der Praxis des Ölziehens trotz mangelnder Studien jedoch nicht abzuschreiben und dies lässt sich auf zwei Arten erklären: 

  1. Die positiven Eigenschaften des Öls können Entzündungsprozesse beeinflussen & Bakterienwachstum verhindern 
    Je nachdem welches Öl man verwendet, profitiert man von den jeweiligen Eigenschaften. Zum Beispiel enthält Kokosöl einen hohen Anteil an Vitamin E, das wiederum antioxidativ wirkt, unsere Zellen vor freien Radikalen schützt und damit Entzündungen eindämmt. Die im Öl enthaltene Laurinsäure wiederum wirkt antifungal und verhindert, dass sich Pilze und Bakterien vermehren können. In einer im kleinen Rahmen ausgeführten, Studie wurde die Wirkung von Sesamöl an 20 Jugendlichen getestet, wobei ein Teil der Gruppe ihren Mund über einen längeren Zeitraum mit Chlorhexidin und der andere mit Sesamöl gespült hatte. Das Ergebnis? Nach zwei Wochen wurden bei beiden Gruppen eine verringerte Anzahl an Streptococcus Mutans Bakterien festgestellt, die maßgeblich für die Entstehung von Plaque verantwortlich sind.  
  2. Je länger und intensiver das Ölziehen, desto besser die Durchblutung und desto mehr Schadstoffe  werden abtransportiert
    Wie eingangs beschrieben, gibt es in der ayurvedischen Praxis zwei Arten des Ölziehens. Bei Gandusha wird das Öl lange Zeit im Mund behalten, bei Kavala werden muskuläre Bewegungen durchgeführt – mit dem Mund, der Zunge, es wird gegurgelt und das Öl wird hin und hergezogen. Dies kann gerade am Beginn der Praxis sogar ziemlich anstrengend sein. Durch diese oralen Bewegungen wird aber unser Gewebe im Mund und die dazugehörigen Muskeln stärker durchblutet. Eine bessere Durchblutung führt grundsätzlich dazu, dass Schadstoffe besser abtransportiert werden können und die jeweiligen Areale besser mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt werden können . Und genau von diesem Vorgang könnte unser Zahnfleisch und somit unsere Zahngesundheit profitieren. 

Ölziehen in 3 Schritten

. Welches Öl sollte ich verwenden?

Grundsätzlich gilt: Für Ölziehen kann jedes verfügbare Öl verwendet werden, solange es kaltgepresst ist. Eine schonende Verarbeitung des Öls ist deshalb wichtig, weil so deutlich mehr Vitamine (und essenzielle Fettsäuren) erhalten bleiben und unser Gaumen so besser davon profitieren kann. 

Unser Tipp: Verwendet werden kann jedes Öl – Sonnenblumenöl, natives Olivenöl, Rapsöl, Sesamöl oder Kokosöl. Letztere zwei Ölsorten werden am häufigsten empfohlen, Sesamöl wegen seiner nachgewiesenen Anti-Plaque Wirkung und unraffiniertes Kokosöl aufgrund des angenehmen Geschmacks und seiner antibakteriellen Wirkung. 

. Wann ist Ölziehen am effektivsten? 

Grundsätzlich gilt: Prinzipiell kannst du zu jeder Tages- oder Nachtzeit Ölziehen, die Wirkung bleibt dabei gleich. Bislang sind keine Nebenwirkungen bekannt. Morgens, abends – oder sogar zwischendurch, wenn du Zeit hast. 

Unser Tipp: Am effektivsten ist Ölziehen am Morgen. Über Nacht sammeln sich die meisten Bakterien, Toxine und Krankheitserreger in unserer Mundhöhle und ganz nach ayurvedischer Praxis empfehlen wir Ölziehen als erste Tat nach dem Aufwachen, um erfrischt in den Tag zu starten.  

. Wie funktioniert Ölziehen? 

Grundsätzlich gilt: Du nimmst ein bis zwei Teelöffel eines beliebigen Öls auf und behältst es über einen längeren Zeitraum im Mund. Letzteres ist für eine tiefgreifende Wirkung wichtig und stellt einen Nachteil im Vergleich zu konventionellen Mundspülungen dar. Du kannst das Öl einfach nur im Mund behalten, oder es zwischen den Zähnen hin und herziehen und deinen Mund ungefähr 15 bis 20 Minuten damit „spülen“. Wichtig ist, das Öl danach nicht in den Abfluss zu spucken, um das Abwasser nicht zu verschmutzen. Danach spülst du deinen Mund mit warmem Wasser aus und kannst anschließend wie üblich deine Zähne putzen. 

Unser Tipp: Um den besten Effekt zu erzielen, empfehlen wir nach ayurvedischer Praxis, die Zunge zuvor mit einem Zungenschaber, oder einem Metalllöffel abzuschaben, um mit dem Ölziehen die beste Wirkung zu erzielen. Während der Praxis kannst du die Zeit nutzen und eine warme Dusche genießen, dich der Pflege deines restlichen Körpers widmen oder einen Podcast hören. 

FAQs über das Ölziehen und seine Wirkung

  1. Warum ist das Öl weiß nach dem Ausspucken? 
    Es herrscht ein allgemeiner Irrglaube darüber, dass man mithilfe des Öls Bakterien förmlich „herausziehen“ würde. Als Beweis dafür wird die weiße Färbung der ausgespuckten Flüssigkeit nach dem Spülen genannt. Jedoch kommt die weiße Farbe nicht von – wie irrtümlich angenommen – den darin enthaltenen Bakterien, sondern entsteht bei der Vermischung von Speichel und Öl bei der sich eine sogenannte Emulsion bildet. Dabei zerfällt durch die mechanische Einwirkung das eigentlich wassermeidende (hydrophobe) Öl in kleine Tröpfchen, verteilt sich darin und „färbt“ das Wasser weiß.   
  2. Warum tut meine Zunge weh nach dem Ölziehen? 
    Gerade für Anfänger kann Ölziehen wie ein 20 Minuten Workout für Zunge und Kiefermuskeln anmuten. Und das ist auch gut so. Wer aber Schmerzen verspürt, sollte gerade zu Beginn ein bisschen langsamer starten, dazwischen immer wieder kurze Pausen einlegen und das Öl im Mund „ruhen“ lassen.
  3. Darf ich das Öl schlucken? 
    Es wird nicht empfohlen das Öl zu schlucken – das Ziel der ganzen Aufgabe ist es, Bakterien nach draußen zu befördern und nicht im Körper zu behalten. Wer eine kleine Menge davon schluckt, muss sich jedoch keine Sorgen machen. 
  4. Warum wird mir manchmal übel beim Ölziehen? 
    Wer empfindlicher ist und während der Praxis einen Würgereflex verspürt, sollte zunächst versuchen, weniger Öl zu verwenden und eher weiter vorne im Mundraum zu spülen, und nicht zu gurgeln. Manchmal liegt es auch am Geschmack des Öls. Hierbei wird empfohlen ein anderes Öl auszuprobieren. Geschmacklich am beliebtesten ist Kokosöl. 
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