Gibt es Kraftplätze wirklich? Das sagt ein Arzt dazu

Entspannungscoach Dr. Peter Kirschner über Fantasiereisen und sinkende Cortisolspiegel.
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Foto Credit: Sergey Pesterev/ Unsplash

Können Sie als Arzt mit der Idee eines Kraftplatzes etwas anfangen? 
Dr. Peter Kirschner: Die Antwort ist ein österreichisches „Jein“. Ein Kraftplatz ist zwar kein medizinischer Begriff, in der Therapie wissen wir jedoch sehr wohl um seinen Nutzen. Als Schulmediziner bin ich überzeugt, dass sicher nicht alles durch positive Gedanken heilbar ist. Da braucht es oft ganz andere Hilfen. Die Idee eines Kraftplatzes ist aber eine super Unterstützung für die eigene Psychohygiene und ein Beitrag, um für seine Gesundheit Verantwortung zu übernehmen. 

Sollte also jeder Mensch einen Kraftplatz im Leben haben?
Definitiv ja. Von einem Kraftplatz aus kann man viel Energie für den Alltag gewinnen. Wenn Sie beruflich ohnehin unter Strom stehen, dann nützt es schon, wenn Sie im Büro die Türe schließen, sich kurz zurücklehnen und an einen solchen Ort denken. Damit kann ich viel Ärger abwenden. Wenn jemand einen Kraftplatz für sich entdeckt hat, dann empfehle ich, ihn regelmäßig – zumindest in Gedanken – zu besuchen.

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Wie findet man so einen Ort?
Es geht darum, den Geist zu öffnen und die Gedanken zur Ruhe zu bringen. Dann macht man sich auf die Suche. Vielleicht war man schon einmal dort? Ich selber habe meinen Kraftplatz in Griechenland auf der Insel Patmos. Dort gibt es am Berg ein Kloster, in das ich regelrecht hineingepurzelt bin. Als ich mich dort zum Brunnen hingesetzt habe, wusste ich: Das ist mein Platz. 

Fantasiereisen haben einen genauso starken Effekt auf den Körper wie die Realität. 

Muss ein Kraftplatz denn real sein?
Nein. Der Kraftplatz muss nur spürbar sein, also mit allen Sinnen wahrnehmbar. Deshalb ist es leichter, einen Ort zu nehmen, wo man schon einmal physisch war. Man kann gewisse Momente und Orte in Gedanken allerdings auch selber generieren. Solche Fantasiereisen haben einen genauso starken Effekt auf den Körper wie die Realität. Sehen wir ein Video von der Natur, dann kommt es zu denselben Hormonausschüttungen, wie wenn wir tatsächlich im Wald unterwegs sind. Der Cortisolspiegel, der Auskunft darüber gibt, wie gestresst wir sind, sinkt während unserer Zeit am Kraftplatz. Der Blutdruck sinkt. Unsere Atemfrequenz wird langsamer. Wir entspannen uns. Es tut uns also gut, dort zu sein. Auch in Gedanken. Dazu bedarf es allerdings einer inneren Bereitschaft und auch ein wenig Übung.

Ohne gegen Ihre ärztliche Schweigepflicht zu verstoßen: Wo sammeln Ihre Patienten Kraft?
Das ist sehr individuell. Da ist vom Leuchtturm über den Wald bis hin zu Szenarien am Meer alles dabei. Was immer wieder genannt wird, sind die Elemente – wie Wasser oder Wind. Es geht meist um eine Umgebung, die etwas mit unseren Sinnen macht und eine starke Präsenz hat. Das Lagerfeuer wärmt mich, und ich rieche es auch. Ein Kraftplatz kann aber auch ein familiäres Umfeld sein, also eine positive soziale Interaktion mit Menschen, die mir viel bedeuten.

Am Kraftplatz lernt man, sich Zeit für sich selber zu nehmen.

Wenn mein Kraftplatz real existiert und ich ihn immer wieder besuchen kann – was mache ich dann dort? 
In erster Linie geht es darum, den Energiehaushalt anzugleichen. Man sucht seinen Kraftplatz auf, wenn einem der Antrieb fehlt, wenn man also mehr Energie braucht. Aus meiner Sicht sollten wir dort achtsam gegenüber uns und der Umwelt sein. Es nützt nichts, wenn man dann wieder drei Telefone und fünfzehn Kollegen dabei hat und sich nicht mit sich selber befassen kann. Am Kraftplatz lernt man, sich Zeit für sich selber zu nehmen. Genau das trauen wir uns oft nicht, sondern folgen einem „Ich muss aber“. Dabei ist Zeit das Einzige, was begrenzt ist in unserem Leben. Der Kraftplatz erinnert uns daran, auf uns selbst aufzupassen. 

Trotzdem halten viele die Idee eines Kraftplatzes für esoterischen Klimbim. Wie sagen Sie Skeptikern?
Wenn sich etwas in uns sträubt, dann beruht das meist auf einem Informationsmangel. Es ist total legitim, wenn jemand sagt: Das will ich nicht. Wenn wir aber unser Mindset positiv ausrichten, dann steckt darin eine enorme Kraft. Man sieht das immer wieder, dass Menschen mit einer positiven Interaktion, die Spaß am Leben haben, auch zu deutlich größeren Therapieerfolgen kommen.

Dr. Peter Kirschner sorgt im Anima Mentis, dem „Fitnesscenter für die Seele“, für Entspannung und mentale Stärke.

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