Harald Havas

Warum ich es (meist) nicht schaffe, saisonales Obst und Gemüse im Supermarkt zu kaufen

Kolumnist Harald Havas Geist ist willig. Wenn da nicht das Dilemma mit der Vorsaison wäre …
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Das Vorsaisondilemma

Wenn du nicht selbst gärtnerst oder zu jenen Leuten gehörst, die täglich frühmorgens nach den besten Stücken beim nächstgelegenen Marktstand suchen, oder wöchentlich freudig die Lieferung des Öko-Kistls ihres persönlichen Biobauerns entgegennehmen, kennst du jenen schrecklichen Ort der Gewissensnöte und des vielfältigen Dilemmas nur allzu gut: den Obst- und Gemüsebereich im Supermarkt.

Biologische Gewissensbisse

Die Wahl der Einkäufe stößt hier gleich auf mehrere entgegengesetzte Entscheidungskriterien. Fangen wir bei den Billig-Eigenprodukten an. Gut fürs Börserl, aber fraglich für alles andere. Denn selten erfährt man Ausreichendes über den Migrations- soll heißen Transporthintergrund der Billigware. Vielleicht ist ja eh alles super und die frischen Früchte nur Überschuss aus echt nachhaltiger und sozialer Produktion und so? Vielleicht aber auch nicht. Daher fällt die Entscheidung im Zweifelsfall wohl eher gegen diese Produktkategorie aus.

Am anderen Spektrum, Obst und Gemüse aus biologischem Anbau. Teurer und auf den ersten Blick echt voll gewissensberuhigend. Aber musste die Bio-Avocado oder -Banane trotz ökologischer, vielleicht sogar fairer und nachhaltiger Produktion, nicht dennoch zuerst über den Ozean schippern oder – horribile dictu! – fliegen, um im Regal zu landen?

Kaum steigen die Temperaturen auch nur ansatzweise über Null, explodieren in den Supermärkten die Erdbeeren.

Damit nicht genug, gibt es noch die Problematik der Saisonware. Und das ist ein Punkt, wo ich den Supermärkten, insbesondere den größten Ketten, ganz besonders böse bin. Regelmäßig wird der Obst-und Gemüsebereich mit vorsaisonaler Ware regelrecht geflutet, überschwemmt! Kaum steigen die Temperaturen auch nur ansatzweise über Null, explodieren in den Supermärkten die Erdbeeren. Kurz darauf folgt der Spargel. Von irgendwo her.

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Gestörter Gemüserhythmus

Und wenn es dann kurz darauf Erdbeeren und Spargel aus heimischer Produktion zu kaufen gibt, sind die Supermärkte schon wieder ein bis zwei Monate voraus und quellen über vor Pfirsichen, Marillen und Wassermelonen. Von wer weiß wo. Um Anfang Sommer mit importierten Zwetschken anzuschließen usw.

Und all dieses Zeug, das dann auch meistens nach wenig schmeckt, so lange vor der heimischen Saison anzubieten, ist besonders perfide. Denn schlägt man hier zu und wird enttäuscht, verdirbt einem das meist die Lust auf das viel bessere und heimische Produkt, das nur wenige Wochen später zu haben gewesen wäre.

Scheitern am Altar der eigenen Ansprüche

Allerdings, wie gesagt, es ist ein Dilemma. Und man kann’s nicht immer lösen. Hier stehen einander nämlich die Prinzipien „Die Gier ist etwas Wunderbares!“ (© Michael Niavarani) und „Vorfreude steigert den Genuss“ (alte Weisheit) diametral gegenüber. Das Ergebnis? Ich scheitere ja doch vor dem Altar meiner eigenen Ansprüchen: Schon der erste, dünne chilenische Überseespargel ließ mich dieses Jahr schwach werden und auch dem italienischen konnte ich infolge nicht widerstehen. Unter dem Strich überwog danach aber die Reue den (geschmacklich mageren) Genuss – und ich kehrte reuig zum Prinzip „marchfelderisch-saisonal-biologisch“ zurück. Gelobe, mich in Zukunft strikt daran halten. Echt.

Bis zur nächsten, großen, saftigen Orange aus Spanien…

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