Nicole Kolisch

Von Findelkatzen und Liebeserklärungen

Keine Antwort, aber eine Annäherung an die Frage: „Was bedeutet carpe diem für dich?"

1.

Als der Findelkater bei uns einzog, war er sehr menschenscheu. Wir versuchten es mit Leckerlis, mit Spielzeug, Laserpointer und Katzenminze, aber das Straßenverkehrstrauma saß dem Kleinen noch derart in den Knochen, dass er eineinhalb Jahre unter dem Sofa versteckt blieb. In der hintersten Ecke. Unerreichbar für unsere Sehnsüchte und Zuwendungen.

Als er sich das erste Mal streicheln ließ, verstummte die Familie vor Ehrfurcht. Es war ein magischer Moment. Während ich mit großer Vorsicht die Finger durch das Katzenfell gleiten ließ, hätte man eine Stecknadel fallen hören. Niemand wagte zu atmen, der ganze Tag schien ab da verzaubert.

Mittlerweile ist aus dem Kätzchen ein Kater und aus dem zitternden Bündel ein selbstbewusstes Alphatier geworden. Wenn ich die Wohnungstür aufsperre, ist er der erste, der sich auf den Rücken fallen lässt und seine Bauchkraul-Begrüßung einfordert. Mit großer Selbstverständlichkeit.

carpe diem bedeutet für mich, dass das dennoch nicht selbstverständlich ist. Dass ich mir immer diesen Moment Zeit nehme, auch wenn der Kater hundert Mal am Tag und oftmals ungelegen zum Kuscheln kommt. Dass das dann immer noch ein bisschen von jenem Wunder hat, dass es beim ersten Mal war. Ein Moment, in dem man den Zauber spürt. Dass das nicht nur für Katzen gilt, ist hoffentlich klar.

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Photo by Yerlin Matu on Unsplash

2. Da ist eine H3

carpe diem bedeutet für mich, den Menschen in meiner Umgebung zu sagen, was ich für sie empfinde.

Now I’ve learned that love needs expression – but I’ve learned too late

singt Michael Jackson.

So will ich nicht enden. (Also, schon mal allgemein nicht wie Michael Jackson. Aber in diesem speziellen Fall eben auch nicht.)

Liebe ist für mich ein sehr vielfältiger Begriff, der viele kleine, mittlere und allumfassende Lieben in sich vereint. Augenblicklieben ebenso wie Lebenslieben. Ernsthafte und wundervoll dämliche. Denn Liebe ist Leben. Wäre beides immer ernst, wäre beides nicht lebenswert.

Love needs expression.

Also sage ich das. Immer. Überall. Ich sage dem Postboten, dass ich mir einen Haxen ausfreu, ihn endlich mal kennen zu lernen, weil er mir oft – unbekannter Weise – so viel Freude macht. Ich sage der Kollegin, dass ich ihren Text gut finde. Ich sage dem Ex-Chef, dass ich immer noch dankbar bin für seine Hilfe damals. Ich sage der Frau in der U-Bahn, dass ihre bunten Ohrringe super zu ihrer Jacke passen (und dass ich fast ein bissl neidisch bin, weil ich sowas nicht tragen könnt). Ich sage Julia, dass sie meine Lieblingscousine ist. Und ich sage dem Fitnesstrainer, dass er eine tolle Stimme hat. (Aber hallo!) Nicht alle Leute können damit umgehen. Doch die meisten freuen sich.

Vor allem sage ich den Kindern, dass ich sie liebe. Dass sie die besten, süßesten, lustigsten, gescheitesten, kuscheligsten Kinder der Welt sind. Und sie verdrehen die Augen und sagen „Jaaaaa, Mama, wissen wir.“ Aber: Love needs expression. Besser einmal zu oft als einmal zu wenig. Zum Kater sage ich auch etwas. Nämlich „Awwwww. Schnubbi schnubbi schnubbi.“ Er blickt skeptisch. Aber er toleriert es, solange ich ihm den Bauch kraule.

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