Janina Lebiszczak

Die Kraft der Rituale

Zwischen Glaube und Aberglaube ist jede Menge Platz. Große, aber auch kleine Rituale geben uns Halt in einer Welt, die sich immer schneller dreht.
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Bild: Allison Christine/Unsplash

Ich bin kein abergläubischer Mensch. Gut, wenn ich im Gespräch den viel zitierten Teufel an die Wand male – sprich ein „worst case scenario“ skizziere – kann es passieren, dass ich dreimal auf Holz klopfe. Und ja, wenn kein Holz in der Nähe ist, nehme ich meinen Kopf.

Es kann passieren, dass ich dreimal auf Holz klopfe. Und ja, wenn kein Holz in der Nähe ist, nehme ich meinen Kopf.

Wenn wiederum jemand ein „best case scenario“ skizziert, sich also in den noch nicht bestätigten Erfolg eines Projektes oder eines persönliches Wunsches hineinsteigert, dann sage ich: „Verschrei es nicht!“ Als wären diese drei kleinen Worte ein Bannspruch gegen drohendes Unheil. Vielleicht sind sie es ja auch.

Der Talisman-Test

Die Sozialpsychologin Lysann Damisch untersuchte an der Uni Köln die Auswirkung von Glücksbringern auf den Erfolg bei Prüfungen. Die Probanden sollten zu einem Test einen Talisman mitbringen. Ganz egal, ob oben drüber ein Amulett oder unten drunter die Glücksunterhose. Vor Beginn des Tests musste die Hälfte der Teilnehmer ihren Talisman ohne Vorwarnung abgeben. Das Ergebnis: Diejenigen, die auf ihn verzichten mussten, schnitten schlechter ab als jene, die davon scheinbar unterstützt wurden. Was wieder mal beweist: Der Glaube, bzw. Aberglaube versetzt vielleicht nicht gerade Berge – aber er gibt uns Sicherheit.

Ohne Talisman schnitten die Probanden schlechter ab.

Ähnlich verhält es sich mit den Ritualen. Alle großen Religionen setzen auf ihre Macht. Eine Messe etwa unterliegt einem strengen Ablauf und wird so zur Zeremonie. Auch Familienverbände verbessern ihren Zusammenhalt durch ein gewisses Regelwerk. Man bringt so die Kinder leichter ins Bett, zelebriert so die großen Feste.

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Bild: Brandon Morgan/Unsplash

Das Weihnachtsritual meines Vaters

Ich erinnere mich an Weihnachten: Mein Vater und ich verließen jedes Jahr am 24. Dezember mittags das Haus, um einen Ausflug zu machen (Christkindlmarkt, später der Hauptbahnhof – wir setzten uns ins Züge und stiegen erst ganz knapp vor der Abfahrt wieder aus. Warum, weiß ich nicht, aber es war spannend!), während meine Mutter den Baum aufputzte.

Wir setzten uns ins Züge und stiegen erst ganz knapp vor der Abfahrt wieder aus. Warum, weiß ich nicht.

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Bild: Jessi Pena/Unsplash

Später gab es ein feierliches Mahl auf gutem Porzellan, das Glöckchen ertönte und ich raste ins Wohnzimmer, um die Papierverpackung von den Geschenken zu fetzen. Erst danach wurde gesungen, und jedes Mal amüsierten sich mein Vater und ich über die bedenkliche Singstimme meiner Mutter.

Als mein Vater verstarb, verschwand mit ihm dieses wichtige Ritual. Also arbeiten wir daran, neue Rituale zu finden, die uns stützen.

Als mein Vater verstarb, verschwand mit ihm dieses wichtige Ritual, und damit fehlt meiner Familie etwas, was ihr Freude und Zusammenhalt bescherte. Auch heute ist Weihnachten nicht mehr das, was es mal war. Also arbeiten wir daran, neue Rituale zu finden, die uns stützen. Wir wollen dieses Jahr etwa Frauen einladen, die an Weihnachten alleine sind, um mit ihnen zu feiern. Anderen zu glücklichen Momenten zu verhelfen soll auch uns glücklich machen.

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Bild: Daniil Silantev/Unsplash

Die Toten lebendig halten

Trotzdem wollte ich meinen Vater als Teil meines Lebens behalten. Nach seinem Ableben beschäftigte ich mich intensiv damit, wie andere Kulturen mit dem Tod umgehen, denn in unserer fand ich wenig Halt. Die Zeit, die wir Allerheiligen und Allerseelen nennen und dabei dunkel gewandet auf einen (Grab-)Stein starren, wird etwa in Mexico viel lebenslustiger und farbenprächtiger verbracht.

Ich beschäftigte mich intensiv damit, wie andere Kulturen mit dem Tod umgehen, denn in unserer fand ich wenig Halt.

Für prä-hispanische Kulturen war der Tod eine natürliche Phase im langen Kontinuum des Lebens. Auch heute gelten die Toten noch immer als Mitglieder der Gemeinschaft und werden im Geiste lebendig gehalten. Während des „Día de Muertos“, so glaubt man, kehren sie sogar zeitweise auf die Erde zurück. 

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Bild: Tony Hernandez/Unsplash

Dad-Altar zu Halloween

Diese Idee gefiel mir. Also die Idee von einer Zeit im Jahr, in der die Toten unter den Lebenden weilen können, bevor sie sich wieder zurückziehen, um zu ruhen. Auch deshalb wurde Halloween zu meinem liebsten, inoffiziellen Feiertag. Denn er lässt sich auf das keltische Samhain-Fest zurückführen: Die Kelten glaubten, dass sich in der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November das Tor zur sogenannten Anderswelt öffnet. Man konnte in Kontakt treten – nicht nur mit den bösen Geistern, auch mit den guten. Die Grenze zwischen irdischer und überirdischer Welt soll sich an Samhain leichter überwinden lassen.

Eine Zeit im Jahr, in der die Toten unter den Lebenden weilen können – Halloween wurde zu meinem liebsten, inoffiziellen Feiertag.

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Bild: Ivan Diaz/Unsplash

Also errichte ich jedes Jahr am 31. Oktober einen kleinen Altar rund um eine gerahmte Fotografie meines Vaters. Ich schmücke ihn mit Kerzen, Erinnerungstücken und kleinen, bunten Totenköpfen. Ich stelle eine Schale mit Snacks und mit Wasser dazu, damit der Dad sich stärken kann, wenn er dann von drüben nach hüben wandert. Und jedes Jahr in dieser Nacht (und wenn nicht in dieser, dann zumindest bald darauf) träume ich sehr lebhaft von meinem Vater und habe das Gefühl, dass er mir noch näher ist als sonst.

Jedes Jahr in dieser Nacht träume ich lebhaft von meinem Vater und habe das Gefühl, dass er mir noch näher ist als sonst.

Pragmatisch betrachtet habe ich wahrscheinlich einen Vogel. Trotzdem kann ich nur jedem empfehlen, seine eigenen kleinen Rituale und Zeremonien zu finden, die ihm Kraft geben und ihn fröhlich stimmen. Es funktioniert. Zu Halloween bin ich ein besonders gut aufgelegter, besonders glücklicher Mensch. Ich habe mir meinen eigenen, bunten, lebens- und todesfrohen Ritual-Mix erstellt und er passt hervorragend zu mir. Ganz ohne Angst, das zu verschreien.

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