Was CrossFit wirklich ist – und was nicht

Gefährlich, zu anstrengend, nur ein Trend: Kaum eine Sportart ist mit so vielen Vorurteilen behaftet wie CrossFit. Wir haben uns das knallharte Workout näher angesehen.
von Janina Lebiszczak | 24. September 2019
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Bild: Getty Images

Ein bisschen mit der Angst kann man es schon zu tun bekommen: Wer das Geschehen in einer CrossFit-Box – so heißen die Mini-Studios, in denen trainiert wird – beobachtet, meint, die berüchtigten Spartaner bei der Vorbereitung auf den Krieg zu beobachten.

Menschen schwingen schwere Ropes, stemmen hohe Gewichte, laufen im Handstand, squatten, bis der Muskel zittert, und gehen bis an ihr Limit. Nach Laufbändern oder gar einer gemütlichen Sauna wird man in so einer Box vergeblich suchen – dafür sieht es meistens aus wie auf einem Abenteuerspielplatz für sehr, sehr sportliche Erwachsene.

CrossFit-Profi Willi Chen, 44, sieht aus, als könnte er Nüsse mit der Hand knacken, weiß aber auch um die oftmals abschreckende Wirkung des CrossFit-Looks. Denn so fit zu sein (und ebenso auszusehen), das trauen sich die wenigsten zu. Chen dazu:

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William Chen

Bewusst zu leben bedeutet für mich, meine Mobilität, Funktionalität als auch meine körperliche und geistige Leistungsfähigkeit bis ins hohe Alter zu erhalten.

„CrossFit eignet sich dazu ideal. Anfänger brauchen überhaupt keine Angst vor dem Training zu haben, die Intensität wird ja nach und nach gesteigert. Aber Willenskraft und die Bereitschaft, die Komfortzone zu verlassen, gehören schon dazu.“ Wir haben den gebürtigen Taiwaner, der seit 2008 als CrossFit-Coach seine Kunden in Wien zum Schwitzen bringt, mit den gängigsten Vorurteilen über seine liebstes Workout konfrontiert. Und das kam dabei raus:

Vorurteil 1: CrossFit-Training ist nur ein Fitnesstrend

Pro Monat entsteht gefühlt eine neue Sportart – von „Parcours“ bis „Elektro Yoga“ über „Stand-up Paddling“ hinzu „Calisthenics“. Manches ist wirklich top, manches wohl eher amüsant. Aus Chens Sicht gibt es aber nur einen nachhaltigen Zugang zu einem aktiven Lebensstil. Dieser beinhaltet Komponenten wie Beweglichkeit, Schnelligkeit, Koordination, Kraft, Flexibilität, Balance und Ausdauer:

Ein echtes Overall-Training hilft, leistungsfähiger im Alltag zu sein, mental wie körperlich – und genau das wird bei CrossFit trainiert. Kein Trend also, sondern ein echter Dauerbrenner.

Willi Chen

Vorurteil 2: CrossFit-Training ist gefährlich

Alle physischen Aktivitäten bergen ein gewisses Verletzungsrisiko. Egal ob man schwimmen geht, am Fahrrad sitzt oder etwas vom Boden aufhebt. Um Verletzungen vorzubeugen, ist es wichtig, das Level dem Können des Athleten anzupassen und nicht an seinen Vorstellungen. Deswegen gibt es CrossFit nur mit einem geschulten Trainer an der Seite. Es liegt in seiner Verantwortung, die Trainingsintensität, die Schwere der Gewichte, die Wiederholungen und die Geschwindigkeit der Übungsausführung an die Fähigkeiten des Trainierenden anzupassen.

Vorurteil 3: CrossFit ist nur was für Sportliche

Alle Bewegungen und Workouts kann man „scalen“, also abstufen und anpassen. Wenn jemand keine Liegestütze schafft, dann macht er sie auf den Knien oder gegen eine Wand. Es ist eine Illusion, sich gleich wie Tarzan von Übung zu Übung zu schwingen. Aber keine bis wenig Erfahrung ist kein Grund, auf CrossFit zu verzichten. Der Suchtfaktor hingegen, der ist hoch.

Vorurteil 4: CrossFit-Training ist nichts für Frauen

Es gibt CrossFit für den Alltagssportler und es gibt CrossFit für Profis. Wer sich im Netz die vielen Videos der berühmten CrossFit-Games reinzieht, kann schon mal ins Staunen kommen: Nicht nur die Herren, auch die Damen sehen meist knallhart, super definiert, kräftig und recht mächtig aus. Aber das sind Profi-Athletinnen, die manchmal sogar Jahrzehnte trainiert und sich spezifisch dafür ernähren, diese Optik zu erreichen. Hobby-Sportlerinnen brauchen keine Angst vor dem „Hulk-Look“ zu haben.

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Bild: Scott Webb/Unsplash

Vorurteil 5: Das Ziel von CrossFit ist die totale Erschöpfung bis zum Zusammenbruch

Nun, es gibt die sogenannte „comfort zone“, dann gibt es die „discomfort zone“ und, frei nach CrossFit-Pro Willy Chen, noch die „danger zone“. Dabei verhält es sich ähnlich wie beim Bergsteigen: Einen Achttausender klettert man auch nicht in einem Zug hoch. Es gibt zwischen Start und Gipfel unzählige „Base Camps“, damit sich die Bergsteiger akklimatisieren können. Der Körper darf sich an die Höhe gewöhnen. Natürlich ist es grundsätzlich möglich, einen Berg in einem Zug zu besteigen, aber dann wird’s ungut für die Gesundheit. Die Gefahr, das Bewusstsein zu verlieren, sich zu übergeben, abbrechen zu müssen, sich zu verletzen, steigt. In der CrossFit-Box lebt man ein ähnliches Prinzip wie am Berg: Es geht darum, die Intensität an das Können des Athleten anzupassen. Wer sich selbst dabei nicht unter-, aber auch nicht überschätzt, ist klar im Vorteil.

Was CrossFit wirklich ist

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  • Ein echter Allrounder: CrossFit ist eine vielfältige Kombination aus unterschiedlichsten Sportarten und Bewegungsabläufen. Die komplexen Workouts werden mit steigender Intensität durchlaufen. Es geht darum, möglichst viele, oft sehr unterschiedliche Bewegungsarten und -abläufe zu beherrschen und stark, schnell, ausdauernd und beweglich zugleich zu werden.
  • Gut für Rudeltiere: CrossFit ist für Anfänger und Fortgeschrittene, aber vor allem für all jene, die gerne in einer Gruppe trainieren und sich anspornen lassen, geeignet. CrossFitter schätzen es, Teil einer Community zu sein, in der Box werden oft Freundschaften fürs Leben geschlossen.
  • Nichts für zarte Gemüter: Es stimmt schon – wer regelmäßig CrossFit praktiziert, wird um blaue Flecken und Abschürfungen. Die Bereitschaft, ein wenig zu leiden, gehört dazu. Dafür macht man sehr schnell Fortschritte – und das motiviert!
  • CrossFit wird nicht langweilig: Es fällt einfach leichter, die Motivation aufrecht zu erhalten und die Lust am Training nicht zu verlieren, wenn es nicht fad wird. Der Übungspool von CrossFit ist breit gefächert und flexibel.
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