„Wir erreichen unsere Ziele besser, wenn wir uns nicht darauf konzentrieren“

Gesundheits-Coach Patric Heizmann übers gesündere Denken und leichtere Fühlen.
von red | 19. August 2019
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Bild: Philipp Horak

von Gisbert Knüphauser

Länger schlafen, gesünder essen, vielleicht ein paar Kilo abnehmen, weniger Stress haben, mehr Sport machen, produktiver in der Arbeit und geduldiger mit den Kindern sein … Wollen wir nicht alle ein bisschen was in unserem Leben ändern? Aber: Wie fangen wir’s richtig an? Und darf’s auch leicht gehen? Patric Heizmann sagt: ja.

Für wie viele verlorene Kilo waren Sie in den letzten zehn Jahren verantwortlich? 
Das waren zig Tonnen, sicher. Aber viel wichtiger als ein Weniger an Kilos ist ein Mehr an Lebensqualität. Die meisten nehmen ja auch erst ab, wenn der Fokus nicht mehr auf dem Gewicht liegt. 

Ich nehme besser ab, wenn ich mich nicht drauf konzentriere?
Viel besser. Der Tunnelblick auf das, was die Waage anzeigt, erzeugt wahnsinnigen Druck. Und Druck, das ist ein Naturge­setz, erzeugt Gegendruck. Dazu kommt, dass Stress einen latent erhöhten Spiegel an Cortisol bedeutet – und ausgerechnet dieses Stresshormon blockiert die Fett­verbrennung. Wenn ich jemandem beim Erreichen seiner Ziele helfen will – egal in welchem Bereich des Lebens –, muss ich ihm zuerst den Stress nehmen. 

Nicht nur beim Abnehmen? 
Beim Sport, beim Mit­-dem­-Rauchen­-Aufhören, beim Englischkurs, beim Vor­satz, mehr Zeit mit dem Partner oder den Kindern zu verbringen, bei einem neuen Projekt im Job … Das gilt für alles, was ich anfangen will. Das Thema Abneh­men ist einfach ein gutes Beispiel, und seien wir ehrlich: Es beschäftigt nun mal viele Menschen. 

Woran erkenne ich den richtigen Mo­ment, etwas Neues anzufangen? Im Sinne von: Jetzt sind die Chancen be­sonders gut, dass ich durchhalte? 
Oft genügt da ein neuer Gedanke. Wis­sen Sie, welcher am stärksten ist? 

Na? 
„Ich bin für mein Leben, meine Gesund­heit, meine Zufriedenheit selbst verant­wortlich. Niemand sonst.“ – Sobald ich das kapiert habe, bin ich bereit, Dinge in Angriff zu nehmen, die mir guttun. Und sie auch durchzuziehen. 

Oft hört man, man braucht nur in sich rein­zuspüren, der Rest ergibt sich von selbst. Man spürt schon, was einem guttut, heißt es, beim Essen, beim Sport, überall. 
Diese Fähigkeit des Körpers nennt man somatische Intelligenz, ja. 

Mein Körper signalisiert mir aber: Couch, Schokolade, Fernseher, Facebook. Das hat wenig mit intelligenter Lebensgestaltung zu tun. Wie bring ich meinem Kör­per wieder bei, zu erspüren, was ihm wirklich guttut?
In kleinen Schritten. Zum Beispiel lang­sam den Kakaoanteil in der Schokolade steigern, irgendwann 70-­ oder 80-­pro­zentige Schokolade statt Milchschokolade nehmen, und kleine Stückchen statt der ganzen Tafel. Oder die Stückchen in den Tiefkühler legen. Und wussten Sie, dass Kakao sehr viel Magnesium enthält? Dass Ihr Körper vielleicht unterbewusst ohnehin das Richtige signalisiert, weil ihm Magnesium fehlt? 

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Bild: Philipp Horak

Die Tricks kenn ich alle. Trotzdem schau ich ins Handy und stopf mir Schokolade rein, statt im Garten mit meinem Kind zu spielen. Bin ich einfach ein undiszipli­nierter Idiot? 
Seien Sie doch nicht so grausam zu sich! Unsere Zeit ist extrem schnelllebig. Wir erwarten sofort Resultate, egal was wir tun. Aber der Körper braucht seine Zeit für Änderungen. Geben Sie ihm diese Zeit, er wird’s Ihnen danken. Wissen Sie, warum klassische Diäten dauerhaft gar nichts bringen können? 

Warum nicht? 
Weil die ebenfalls alles von jetzt auf gleich ändern wollen. Dafür verlangen sie ma­ximale Aufmerksamkeit, Willenskraft, Disziplin – die Ihnen dann für die alltäg­lichen Herausforderungen fehlen. Sobald die privaten und beruflichen Herausfor­derungen größer werden, geben Sie die Diät auf und fallen in alte Muster zurück. Sie haben ein tägliches Disziplin-­Konto, und das können Sie nicht überziehen. 

Das heißt, ich bin nicht undiszipliniert, wenn ich abends in die Schokolade kip­pe, sondern mein Willenskraft-­Konto für den Tag ist einfach leer? 
Exakt. Man kann Disziplin trainieren, aber eben in kleinen Schritten. Apropos Schritte, gutes Beispiel: Wenn Sie sich 10.000 Schritte am Tag vornehmen, das zieht Ihnen nicht nur das Fett von den Rippen wie eine nasse Tapete von der Wand. Das schafft in Ihnen auch Bewusstsein, dass Sie es selbst in der Hand haben, ein Ziel zu erreichen. Und wenn Sie’s erreicht haben, macht Sie das stolz. Dieses Gefühl des Stolzes wiederum füllt Ihr Willenskraft-Konto am nächsten Tag ein ganz klein wenig mehr an. Außerdem fluten die Neurotransmitter Serotonin und GABA Ihren Körper mit einem „Hach, ich fühle mich so richtig wohl jetzt“-Gefühl. Schokolade übrigens schüttet GABA auch ganz massiv aus. 

Jeden Tag 10.000 Schritte zu gehen ist wie Schokolade essen?
Nur viel gesünder. Guter Vergleich, ja. 

Und wenn ich Lust auf zwei Tafeln habe, gehe ich einfach 20.000 Schritte? 
Hahaha, Sie tappen da gleich in die Falle der Übermotivation. 

Was ist so schlecht daran, supermotiviert zu sein?
Nichts, es ist ja auch ganz normal. Ein kleines Beispiel: Wir haben in unserem Coaching den „perfekten Tag“ mit sieben einfachen Regeln zu Ernährung, Bewegung, Motivation, Entspannung und Schlaf. Viele wollen zu Beginn unserer Kurse gleich mal sieben „perfekte Tage“ pro Woche machen. Die würden das zu Beginn auch schaffen, aber da steigen wir sofort auf die Bremse. Zu Beginn reicht einer, maximal zwei. 

Wieso nicht sieben? Nützen wir doch den Zauber des Anfangs!
Zu Beginn schaffen Sie sieben, weil Sie so motiviert sind und durch diese Motivation wahnsinnig viel Aufwand und Konzentration dafür auf bringen. Aber wenn Sie dann bloß noch fünf schaffen – weil Sie mal in der Arbeit viel zu tun haben oder in der Familie –, dann fühlen Sie sich schlecht. Und dann beginnt die Negativspirale. 

Wenn ich nur einen Tag pro Woche alles richtig mache, bleibe ich doch in meinen alten Gewohnheiten hängen.
Das dürfen Sie zu Beginn ja auch. Geben Sie sich Zeit. Es wird ganz von selbst eine Eigendynamik entstehen. Wenn Sie Ihren perfekten Tag – vielleicht dann irgendwann mal einen zweiten oder dritten – Woche für Woche wiederholen, wird er immer einfacher, weil er immer gewöhnlicher wird. Und dazwischen nehmen Sie eine, zwei, drei Regeln, die Ihnen leichtgefallen sind – zum Beispiel die Essenspausen oder die 10.000 Schritte –, mit in andere Tage. Damit verändern sich Verhaltensweisen ganz von selbst. Ganz entspannt. Unbewusst, nicht bewusst. Darum geht’s. 

Wie lange dauert es, bis neue Verhal­tensweisen in mein Leben gesickert sind? 
Unserer Erfahrung nach ungefähr vier Monate. Dann ist das neue Verhalten so gefestigt, dass es belastbar ist, wenn’s mal ein bisschen stressiger zugeht. Natürlich kann es sein, dass man tatsächlich zurückfällt in alte Muster, aber die Rückkehr fällt viel leichter, weil man schon auf die neuen programmiert ist. Und wissen Sie, worauf es noch ankommt?


Es gibt einen super Trick, den auch Sportler anwenden: sich in den Erfolg hineinfühlen, als ob er schon da wäre.

Nun ja, irgendwann wird es auch um Selbstdisziplin gehen.
Nein. Viel wichtiger ist, wie Sie mit sich umgehen. Hab ich mich lieb? Oder mach ich mich für jeden kleinen Fehler fertig, weil ich es so gelernt habe als Kind? „Du schaffst das nicht, du bist zu blöde.“ Kennt man ja. Richtet riesigen, bleibenden Schaden an. Ein Erfolgsvernichter. 

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Bild: Philipp Horak

Kann man das loswerden? 
Ja. Erst mal sich bewusst machen, wie man mit sich selbst spricht, wie respektlos. Und dass man gar nicht selbst denkt, sondern dass man gedacht wird. Ihr gedankliches Betriebssystem ist fremdbestimmt, von Ihrer Erziehung, von Erwartungen der Gesellschaft, von außen. Die gute Nachricht: Da können Sie eingreifen. 

Das klingt nach einer Lebensaufgabe. 
Leicht ist es nicht, aber Lebensaufgabe auch keine. Und lohnt es sich? Absolut. Wissen Sie übrigens, dass Sie jedes neue Verhaltensmuster in vier Stufen lernen? 

Nein. 
Stufe eins ist die unbewusste Inkompetenz. Heißt bei unserem Beispiel so viel wie: Ich weiß gar nicht, dass ich nicht selbst denke, sondern „gedacht“ werde. Schritt zwei ist die bewusste Inkompetenz: „Boah, geh ich schlecht mit mir um! Ich beleidige mich ja für jeden Scheiß, den ich gemacht hab!“ Stufe drei ist die bewusste Kompetenz, die schwierigste Stufe, denn hier fang ich an, mein Verhalten zu ändern, zunächst bewusst, ich lobe mich also selbst, auch für Dinge, die eigentlich selbstverständlich sind. Stufe vier ist dann die unbewusste Kompetenz, und da wollen wir hin: Ich mach’s, ohne drüber nachdenken zu müssen. 

Letzte Frage: Ich möchte irgendetwas ändern an mir, zum Beispiel fünf Kilo ab­ nehmen. Was ist der erste Schritt? 
Lernen Sie hellsehen. So nenne ich das. Fragen Sie sich: „Was erwartet mich, wenn ich dieses oder jenes erreicht habe?“ Und fühlen Sie sich rein in die Antwort, ganz intensiv aus dem Körper heraus. Jeder gute Sportler, jeder erfolgreiche Unternehmer macht das, häufig unbewusst, er fühlt sich in den Erfolg hinein, als ob er schon da wäre. Ein super Trick. Denn unser Gehirn kann nicht unterscheiden, ob Sie sich etwas vorstellen oder ob Sie es wirklich erleben. 

Bis 2009 dachte niemand daran, Gesund­heit und Comedy zu verbinden. Dann kam Patric Heizmann, damals 35 und Fitnesstrainer. Heute erreicht der Deut­sche mit seinen Bühnenprogrammen, TV­Shows, Büchern, Podcasts und You­ Tube­Videos ein Millionenpublikum. Dabei geht’s nur auf den ersten Blick ums Abnehmen, in Wahrheit geht’s um viel mehr: um gesunde Ernährung und Bewegung, um Regeneration und Schlaf. Und darum, was dabei im Kopf und im Herzen passiert. „Ich mache Comedy mit Nährwert“, sagt er.

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