Runterkommen nach der Arbeit – aber wie?

Was tun, wenn „einfach loslassen“ gar nicht so einfach ist?
Runterkommen
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So ein Tag hat es manchmal in sich. Oder auch nicht, oft ist es halt doch nur der sogenannte ganz normale Wahnsinn. Die Arbeitstermine sind halbwegs gut verlaufen, der Heimweg war weniger mühsam als befürchtet, die Einkäufe waren schnell erledigt, die Kinder gesund und gut aufgelegt, das gemeinsame Essen einigermaßen friktionsfrei. Jetzt schlafen alle oder sitzen mit einem Buch in einem Eck und brauchen keine Ansprache mehr.

Auf diesen Moment hat man sich insgeheim den ganzen Tag gefreut.

Und auf diesen Moment hat man sich insgeheim den ganzen Tag gefreut. Der, an dem man sich entscheidet, ob man sich eine Dokumentation ansieht oder ein Bad nimmt oder eine Serie schaut, die Nachbarin spontan einlädt oder sich einfach hinsetzt und ein bisschen vor sich hin sinniert.

Doch es geht nicht. Die Unrast bleibt in den Knochen, man räumt dann doch noch die Wäsche weg, ruft noch ein paar Leute zurück, beruflich und privat, putzt die Küche – ein schnelles Foto auf Instagram, worauf man eine weitere Dreiviertelstunde in den sozialen Netzten hängenbleibt, und dann ist es Schlafenszeit.

Man liegt im Bett und die Gedanken kreisen weiter, ohne je Chance auf Erdung gehabt zu haben. Schade, dass man nicht so eine müde Erschöpfung fühlt wie nach einer Wanderung. Eine, wo Körper und Geist, zufrieden über das Tagwerk, runterfahren und eine Ruh geben, endlich. Damit sich der Schlaf einstellen kann, die Batterien aufgeladen werden können. Und wie kann man morgen bitte halbwegs fit weitermachen?

Getrost stolz sein

Ein Trick könnte sein, die Gedanken auf Erledigtes zu lenken. Also nicht an Akten, die am nächsten Tag noch zu wälzen sind, oder an Kuchen, die noch gebacken werden müssen, zu denken. Vor dem Einschlafen kann man getrost auf Erledigtes stolz sein. Die Präsentation ist gelaufen. Die Post ist abgeholt. Die Wohnung ist gesaugt. Die Kinder sind gebadet. Der Müll ist hinuntergetragen. Die Kleidung weggeräumt. Das tut gut, man kann aufatmen.

Die energiesaugenden kleinen Tore zur Welt – wie der Laptop oder das Smartphone – können einen eigenen Platz bekommen. Sie sind keine externen Organe, die man immer in der Nähe haben muss.

Eine Wohnung für persönlichen Kontakt

Vielleicht ist es eine schöne Idee, dass alle Familienmitglieder sie zumindest für einen Zeitraum am Abend im Vorzimmer liegen lassen. Die Wohnung gehört dann nur dem persönlichen Kontakt. Das kann eine ganz eigene, neue Magie bedeuten. Als weiterführende Maßnahme und um sich noch ein wenig unabhängiger zu machen von den elektronischen Geräten, ist vielleicht das Hervorholen des guten alten Notizblockes eine gute Idee.

Eine besondere Streicheleinheit an sich selber ist die Einführung und das Einhalten der ganz persönlichen halben Stunde am Abend. Das wird kommuniziert, und die Familienmitglieder sollten das respektieren. Das kann auch die halbe Stunde Fernsehzeit der Kinder sein. Den Tag über kann man sich überlegen, mit welcher kleinen Freude man diese halbe Stunde füllt. Macht man sich die Nägel? Nimmt ein Bad? Macht man Yoga? Telefoniert mit der alten Freundin, die man seit drei Jahren nicht mehr gesehen hat? Es ist die Stunde der Schönheit, so nennen wir sie, und sie gehört nur uns.

Der Trick mit der Langeweile

Als Blitzhilfe für alle, die jedoch gerade jetzt einen Clou brauchen, um Ruhe zu finden, obwohl schon Baldrian geschluckt und 100 Kniebeugen gemacht wurden, hilft vielleicht ein Trick einer 17-Jährigen, die mir kürzlich erzählt hat, wie sie ihre schulstressbedingten Schlafstörungen in den Griff bekommen hat. Sie langweilt sich selber in den Schlaf. Sie liegt ohne einen Mucks stocksteif im Bett und denkt an die ödesten Sachen der Welt, ausschließlich. Wenn ihr etwas anderes einfällt, verscheucht sie diese Gedanken schnell, wie kleine Wolken. Und dann denkt sie wieder an Regenwürmer. Tische. Parkplätze. Große, weite Seen. Gute Nacht.

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