Gabriele Kuhn

7 Gründe, warum es sich lohnt, barfuß zu gehen

Eine Wiederentdeckung des Barfußgehens in sieben Schritten. Von Barfuß-Coach Emanuel Bohlander.

Sommer! Draußen sitzen, im Wasser planschen, endlich wieder das Gras auf den Sohlen spüren. Die große Freiheit für die Füße tut der Seele ebenso gut wie unserem Körper.

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Bild: Konstantin Reyer

Hast du das über deine Füße gewusst?

  • Zeit unseres Lebens tragen sie uns 150 Millionen Schritte weit, das entspricht drei Umrundungen des Erdballs.
  • Beim Abrollen des Fußes trägt die große Zehe das gesamte Körpergewicht.
  • Das alles schafft eine hochkomplexe, filigrane Konstruktion aus je 7 Fußwurzelknochen, 5 Mittelfußknochen und 14 Zehenknochen, verbunden durch 33 Gelenke und 107 Bänder.
  • Auf den Sohlen liegen mehr Sinneszellen als im Gesicht. Tausende Nervenenden leiten Informationen, etwa zu Temperatur oder Bodenbeschaffenheit, blitzschnell ans Gehirn.
  • Noch fundamentaler ist die Rolle der Füße für unser Wohlergehen in der Fußreflexzonenlehre: Sie stellt Verbindungen zwischen den Organen und den Füßen her, sieht sie als Spiegelbild des Körpers. Beschwerden sollen durch eine Massage entsprechender Fußreflexzonen gelindert werden.

Emanuel Bohlander, seines Zeichens Barfuß-Coach, erklärt uns, warum es einen Versuch wert ist, barfuß durchs Leben zu gehen. (Du kannst dir diesen Artikel auch von Michael Hufnagl vorlesen lassen.)

Rein ins Kindersommergefühl

Erinnern wir uns. An jene Zeit, in der wir als Kinder im Sommer ohne Schuhe herumgelaufen sind. Nackte Füße im Garten, im Bad, auf Wiesen, im Matsch, im Bachlauf, auf Moos. Herrlich, wie das Gras die Zehen kitzelte, wie die Meereswellen unsere Spuren am Strand wegspülten. Dieses Gefühl, ganz leicht zu sein und doch verbunden mit der Erde. War das nicht herrlich?

Dem Barfuß-Coach zuhören

Wir haben es eingangs erwähnt: Barfuß zu gehen tut nicht nur der Seele gut, sondern auch dem Körper. Das ist keine Schwärmerei, sondern wissenschaftlich erwiesen.

Das hat zunächst mit dem zu tun, was wir weglassen: mit den Schuhen. „Herkömmliches Schuhwerk verändert unsere Füße – und das verändert wiederum die Statik des Körpers“, erklärt Emanuel Bohlander, Barfuß-Coach und Gründer der deutschen „Barefoot Academy“. Der studierte Ingenieur ist überzeugt, dass der Mensch „eigentlich nicht für das Tragen von Schuhen gemacht ist“.

Klar, Schuhe schützen vor Hitze, Kälte, Verletzungen. Doch moderne Schönheitsideale treiben Füße und Zehen in die Enge. „Fast alle Schuhmodelle für Frauen, aber auch für Männer sind vorne schmal oder spitz. Schauen Sie sich die Füßchen eines Babys an, die sind oben breit“, sagt Bohlander. „Die Natur hat sich dabei doch was gedacht.“

Mit der Evolution gehen

Die Natur. Die Evolution der Menschheit. Der Wandel zum aufrechten Gang gilt als zentrales Ereignis mit enormen Folgen für den Körper – und für den Erhalt der Spezies Mensch. Füße wurden zu einem lebensnotwendigen Werkzeug, das half, auf unterschiedlichen Böden das Gleichgewicht zu halten.

Die Füße leiten Informationen an das Gehirn weiter – so „weiß“ der Körper, wie er sich bewegen soll. Längs- und Quergewölbe wirken dämpfend und ausgleichend. Als Tastorgane hatten die Füße ursprünglich so viele Nervenzellen wie die Hände – diese sind jedoch mit der Zeit verkümmert.

Unser evolutionäres Erbe, sagt Emanuel Bohlander, sei „die Fähigkeit, über weite Strecken gehen und laufen zu können“. Wer ständig Schuhe trägt, der verändert vieles: „Der Fuß übernimmt die Form des Schuhs.“ Bestimmte Schuhformen können das Gleichgewicht des Körpers beeinflussen, was wiederum Bein- und Rücken-, sogar Kopfschmerzen verursachen kann. Tatsächlich wurzeln viele Beschwerden des Bewegungsapparats in den Füßen.

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Bild: Konstantin Reyer
Den Füßen vertrauen lernen

Zeit, auf die Signale von unten zu hören. „Füße sind unser Fundament – mit Verbindung zur gesamten Muskulatur“, sagt Emanuel Bohlander, „wir sollten mehr auf sie vertrauen.“ Doch zuerst müssen wir unsere Füße ganz neu kennenlernen. Den großen Zeh etwa. Der hat eine tragende Rolle, wirkt stabilisierend auf die Statik, Fehlstellungen haben Folgen für die Wirbelsäule. Heute können viele Menschen den großen Zeh gar nicht mehr bewusst bewegen: aus den Augen, aus dem Sinn. „An- steuern“, sagt der Barfuß-Coach dazu. Das lässt sich üben. Etwa, indem man versucht, den großen Zeh anzuheben, während die anderen Zehen in den Boden gedrückt werden, und umgekehrt.

Sich trauen, öffentlich nackt zu sein

Emanuel Bohlander schult Menschen auch im „artgerechten“ Gehen. „Gehen Sie raus, gehen Sie barfuß“, ermutigt er jede und jeden, und die Sportmedizin gibt ihm recht: In einer Vergleichsstudie aus dem Jahr 2018 konnten deutsche und süd- afrikanische Forscher zeigen, dass vermehrtes Barfußgehen die motorischen Fähigkeiten von Kindern und Jugendlichen verbessern kann. „Ob man barfuß aufwächst, hat großen Einfluss auf die Fußentwicklung, aufs Gangbild und die körperliche Leistungsfähigkeit“, sagt der Sportmediziner und Studienleiter Karsten Hollander dazu.

Doch auch als Erwachsene profitieren wir vom Gehen ohne Schuhe. Natürlich reicht’s zunächst, im Park oder Garten die Latschen zur Seite zu schmeißen, um ein erstes Gefühl von Sommerfreiheit zu spüren. Doch wer sich entschließt, das Barfußgehen vermehrt in sein Leben zu integrieren, sollte schon mutiger sein. „In meinen Workshops gehe ich mit den Gruppen barfuß durch die Vorstadt“, sagt Bohlander.

Da werde man von den Mitmenschen zwar skeptisch beäugt, aber gemeinsam geht sich’s „unten nackt“ leichter. Irgendwann wird egal, was andere denken: Der Barfuß-Coach fährt seine Tochter im Kinderwagen stets ohne Schuhe durch den Park spazieren. Unterwegs in der Stadt trägt er spezielle Sandalen, die die Fußform nicht beeinträchtigen.

Sich mit warmen Füßen belohnen

Das bringt uns zu einem weiteren Nebeneffekt regelmäßigen Barfußgehens: warme Füße, weil die Muskulatur trainiert wird und das zu einer besseren Durchblutung führt. Um sich Schritt für Schritt dem Barfuß­erlebnis zu nähern, sollte man es zunächst auf befestigten Wegen versuchen. „Weil ich gut sehen kann, wohin ich trete“, sagt Bohlander. Das gibt Sicherheit. Wichtig: nicht gleich über­treiben, um die Füße nicht zu überlasten. (Wer jetzt im Sommer lieber kühle Füße haben möchte, kann unsere erfrischende DIY-Fußcreme ausprobieren.)

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Bild: Konstantin Reyer
Augen zu und los!

Wem Barfußgehen gänzlich fremd ist, dem bie­tet der eigene Garten oder eine Wiese im Park eine Testzone: Füße bewusst auf den Boden setzen, aufs Gras, aufs Moos. Augen schließen. Was fühlt man, was kitzelt, was schmerzt? Wie ist es, sich mit der Erde verbunden zu fühlen? Das Schöne daran ist, dass der Boden in seiner Vielfalt spürbarer wird. Man fühlt die Welt mit den Füßen. „Ich würde von Erdung sprechen. Man nimmt anders wahr. Füße sind unser siebter Sinn“, sagt Bohlander.

Und: Barfuß zu gehen entschleunigt. „Man kann ohne Schuhe nicht so schnell gehen. Ich werde kleinschrittiger, es braucht mehr Zeit, um von A nach B zu kommen“, sagt der Coach. „Das macht mich insgesamt langsamer, dabei nehme ich mein Umfeld bewusster und anders wahr. Ohne Schuhe zu gehen ist tatsächlich Müßiggang.“

Hast du jetzt Lust bekommen, deinen Füßen etwas Gutes zu tun? In ganz Österreich und den meisten deutschen Bundesländern gibt es Barfuß­pfade. Im Garten oder Park lässt sich leicht ein Barfußweg zum Spürenlernen anlegen: mit Kies, Sand, Laub oder Tannenreisig mit Zapfen.

EMANUEL BOHLANDER begann sich nach seinem Ingenieursstudium mit der menschlichen Biomechanik zu befassen. Sein Wissen gibt er in Workshops und Ausbildungen weiter. Er lebt und arbeitet in Düsseldorf.

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